10.). Neue Forschungen zu Pessinus.

Auch die Forschungen zu diesem Punkt 10.) habe ich zusammen mit Franz Xaver Schütz durchgeführt. Franz hat mich zum Beispiel auf den Aufsatz von A. Verlinde (2015) hingewiesen. Verlinde (2015) hat bezüglich des aus antiken Schriftquellen bekannten archaischen Heiligtums der Kybele in Pessinus eine Reihe von Hypothesen aufgestellt, die im Folgenden diskutiert werden sollen:

a) nach Verlinde (2015, pp. 30, 35, 36, 49, 70, 72) habe es ein archaisches Heiligtum der Kybele im Stadtgebiet von Pessinus nie gegeben. Der erste Tempel der Göttin in Pessinus sei erst von König Attalos I. von Pergamon erbaut worden, aber auch dieser Tempel könne sich nicht in der Stadt Pessinus selbst befunden haben; vergleiche Verlinde (2015, pp. 36-40, 55-56, 67-72);

b) die vor-hellenistischen Kultstätten der Kybele in Anatolien hätten sich laut Verlinde (2015, pp. 30, 36, 67, 70, 71) immer fernab von Siedlungen befunden, was deshalb auch im Fall ihres (seiner irrtümlichen Meinung nach erst) phrygischen Heiligtums in Pessinus (so Verlinde 2015, pp. 30, 35, 39, 40, 44, mit Anm. 51, pp. 67, 70) der Fall gewesen sein müsse. Wie wir unten sehen werden, war die Göttin Kybele aber bereits `vor 1200 v. Chr. nach Pessinus gelangt´, das heisst, bevor die `phrygische Wanderung um 1200 . Chr´ aus Griechenland nach Anatolien eingesetzt hatte.


Ehe ich auf die diesbezüglichen Beobachtungen A. Verlindes (2015) im Folgenden

detailliert eingehe, möchte ich aber zunächst einmal meinen eigenen aktuellen Kenntnisstand zu diesem ganzen Themenkomplex zusammenfassen


Der Ankauf der Sibyllinischen Bücher durch den König von Rom, Tarquinius Superbus (der bis 510/509 v. Chr. geherrscht hat), und die Weissagung der Sibyllinischen Bücher im Jahre 205 v. Chr., die zum Kulttransfer der Göttin Kybele aus Pessinus nach Rom führte


Dass die Göttin Kybele bereits in archaischer Zeit in der Stadt Pessinus ein Heiligtum gehabt haben muss, können wir Livius (29.10.4: 205 v. Chr.) entnehmen, eine Textpassage, die wir uns gleich genauer anschauen werden.

Livius (29.10.4-6) berichtet nämlich, dass die Römer im Jahre 205 v. Chr. aus den Sibyllinischen Büchern die Weissagung erhalten hatten, dass sie, `die Karthager besiegen und aus Italien vertreiben könnten, wenn sie die Idäische Mutter (das heißt, die Mater Magna) aus Pessinus nach Rom bringen würden´.

Dazu muss man ausserdem wissen, dass die Sibyllinischen Bücher im 6. Jh v. Chr. vom letzten König Roms, L. Tarquinius Superbus, während seiner Regierungszeit käuflich erworben worden waren (siehe dazu unten). Tarquinius Superbus ist historisch. Nach der Tradition war er von 534-509 König von Rom; Tatsache ist, dass er 510/509 v. Chr. von den Römern gezwungen wurde, mit seiner Familie ins Exil zu gehen; vergleiche Häuber (2017, S. 547-548).

Des Weiteren haben wir in "Mater Magna" (Häuber 2026b, mit Anm. 4-7) aus einer anderen Liviusstelle (29.10.4-11.8) erfahren, dass der Senat, auf Grund dieser Weissagung der Sibyllinischen Bücher im Jahre 205 v. Chr., unverzüglich eine Gesandtschaft nach Pessinus geschickt hatte, um die Mater Magna nach Rom zu holen; sowie, dass die Mitglieder dieser römischen Gesandtschaft wunschgemäss in Pessinus aus den Händen von König Attalos I. das Kultbild der Kybele (einen schwarzen Stein) erhalten hatten: Wobei König Attalos ihnen aufgetragen hätte, dieses Kultbild der Göttin nach Rom zu bringen (!).

Wenden wir uns nun der oben erwähnten Weissagung der Sibyllinischen Bücher zu.

Livius (29.10, 4-6) schreibt:

"A.U.C. [ab urbe condita] 549

4 Civitatem eo tempore repens religio invaserat invento carmine in libris Sibyllinis propter crebrius

5 eo anno de caelo lapidatum inspectis, quandoque hostis alienigena terrae Italiae bellum intulisset, eum pelli Italia vincique posse, si mater Idaea a Pessinunte

6 Romam advecta foret".

Frank Gardner Moore übersetzte diese Liviusstelle wie folgt:

"B.C. 205

At that time religious scruples had suddenly assailed the citizens because in the Sibylline books, which were consulted on account of the frequent showers of stones that year, an oracle was found that, if ever a foreign foe should invade the land of Italy, he could be driven out of Italy and defeated if the Idaean Mother should be brought from Pessinus to Rome [Hervorhebung von mir]".

Vergleiche: Livy with an English translation by Frank Gardner Moore Books XXVIII-XXX (Harvard University Press Cambridge, Massachusetts London, England, First published 1949 Reprinted 1955, 1962, 1972, 1995).

Was bedeutet dieses "on account of the frequent showers of stones that year", wie Frank Gardner Moore diese Formulierung des Livius übersetzt hatte ? Meiner Meinung nach gibt es für diese Beschreibung des Livius eine sachliche Erklärung.

Gerhard H. Waldherr (Erdbeben: das außergewöhnliche Normale, zur Rezeption seismischer Aktivitäten in literarischen Quellen vom 4. Jahrhundert v.[or] Chr. bis zum 4. Jahrhundert n.[ach] Chr., 1997, S. 148-154) untersucht im Detail die zahlreichen Erdbeben während des Zweiten Punischen Krieges. Waldherr (1997, S. 161, mit Anm. 354) kommentiert auch den von Livius (29.10, 4-6) berichteten Kulttransfer, der uns hier interessiert:

"So wurden verschiedentlich neue Kulte v.a. [vor allem] östlicher Provenienz eingeführt [mit Anm. 354] ..."; vergleiche Waldherrs Anm. 354: "z.B. [zum Beispiel] im Jahre 205 v. Chr. aufgrund eines Spruchs aus den Sibyllinischen Büchern der Kult der Magna Mater aus Pessinus".

Wobei nach Waldherr (1997, S. 161) die Anlässe zu diesen Kultübertragungen jeweils `Wunderzeichen´ gewesen seien. Dass das `Wunderzeichen´, das Livius (29.10, 4-6) erwähnt, nämlich diese `Stein-Schauer´, womöglich einen ganz realen Vorgang beschrieben hat (zum Beispiel einen sogenannten Meteoritenschauer oder einen sogenannten Meteoritenregen oder Meteoritenhagel), kommt Waldherr dagegen nicht in den Sinn.

Mein Dank gilt Franz Xaver Schütz, der mich am 16. April 2001 in der Bibliothek des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom auf dieses Buch von Gerhard Waldherr hingewiesen hatte, und mit dem ich jetzt diese Meteoritenschauer-Idee diskutieren konnte.


Mit diesem von Livius (29.10, 4-6) erwähnten `Stein-Schauer´/ Meteoritenschauer beschäftigt sich Franz Xaver Schütz deshalb auch in seinem Beitrag: "Mit Kybele von Pessinus nach Rom - eine topographische Übersichtskarte" (2026) :

"Meterorite werden im WAG definiert als ``Bruchstücke von Himmelskörpern, die in den Einflußbereich der Erde geraten sind und auf diese herabfallen´´ (WAG [Wörterbuch der Allgemeinen Geographie], Band 1 [1993], S. 398). Neuere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass jedes Jahr circa 17. 000 Meteorite in unterschiedlichsten Größen auf die Erde fallen (vgl. [vergleiche] EVATT et al. 2020). Meteoritenschauer können entstehen, wenn Meteorite vor dem Einschlag explodieren, wie es beispielsweise am 15. Februar 2013 nahe ``der russischen Millionenstadt Tscheljabinsk am Ural´´ (GAIDA 2023) der Fall war. GAIDA (2023) zitiert den Einschlag auch als ``Meteoritenhagel´´. Er schreibt: ``Unzählige zentimetergroße Fragmente fielen danach in einem ausgedehnten elliptischen Streufeld zu Boden´´ und dass es sich ``um einen kleineren Asteroiden von 17 bis 20 Meter Durchmesser handelte ... Die dabei freigesetzte Energie entsprach 500 Kilotonnen TNT. Das entspricht mehr als dem Dreißigfachem der Sprengkraft der Atombombe ... die 1945 auf die japanische Großstadt Hiroshima abgeworfen wurde´´".

Literatur

WAG = LESER, Hartmut, HAAS Hans-Dieter, MOSIMANN Thomas, PAESLER, Reinhard (1993): 7. Auflage. DIERCKE-Wörterbuch der Allgemeinen Geographie. Band 1: A-M. München.

EVATT, G., SMEDLEY, A., JOY, K., HUNTER, L., TEY, W. H., ABRAHAMS, L. D., & GERRISH, L. (2020). The spatial flux of Earth's meteorite falls found via Antarctic data. Geology, 48(7), 683-687. https://doi.org/10.1130/G46733.1

GAIDA, Manfred (2023): Vor zehn Jahren: der Meteoritenfall von Tscheljabinsk. Online: https://www.dlr.de/de/blog/archiv/2023/vor-zehn-jahren-der-meteoritenfall-von-tscheljabinsk (5.7.2026).


Kehren wir nun zur Diskussion der Sibyllinischen Bücher zurück.

Die Sibyllinischen Bücher wurden jeweils auf Geheiß des Senats von den duoviri sacris faciundis konsultiert; vergleiche Mary Beard et al. (1998, I, p. 62); später wurde die Kollegien der decemviri sacris faciundis und der quindecimviri sacris faciundis für dieses Aufgabenspektrum gegründet; vergleiche Mary Beard et al. (1998, I, pp. 102-104, 186). Peter Herz hat mich freundlicherweise am 5. Juli 2026 auf das soeben erschienene Buch von Caroline Février hingewiesen: Le Pontife et le décemvir. La procuration romaine des prodiges, 2026.

Als diese, für die Konsultation der Sibyllinischen Bücher zuständigen, Priester im Jahre 205 v. Chr., wie Livius (29.10, 4-6) schreibt, wegen dieser ungewöhnlich häufigen `Stein-Schauer´, die Schriftrollen der Sibyllinischen Bücher zu Rate gezogen hatten, fanden sie einen Spruch, der sehr gut auf die aktuelle prekäre politische Situation der Römer zu passen schien, oder wie Frank Gardner Moore (1995) diese Liviusstelle übersetzt:

"an oracle was found that, if ever a foreign foe should invade the land of Italy, he could be driven out of Italy and defeated if the Idaean Mother should be brought from Pessinus to Rome".

Da der Senat dieses Orakel auf die Karthager bezog, beschloss er, umgehend eine Gesandtschaft nach Pessinus zu schicken, die die Idäische Mutter (das heißt, die Göttin Mater Magna) nach Rom holen sollte.

Oben, in Punkt 9.) dieses Updates, Ad b), wurde erwähnt, dass Erich S. Gruen zur Zeit seiner Recherchen (1990) zum Kulttransfer der Kybele nach Rom noch unbekannt war, dass die Stadt Pessinus zum Herrschaftsgebiet von König Attalos I. von Pergamon gehört hatte; später werden wir erfahren, dass das in Wirklichkeit alles schon erforscht war (siehe unten, die Erkenntnisse von Angelo Verlinde, 2015, pp. 37-38, mit Anm. 25).

Vergleiche hierzu und ausserdem zum Ankauf der Sibyllinischen Bücher durch König Tarquinius Superbus, sowie zu dem gesamten hier diskutierten Themenkomplex, meine Vorlesung an der Universität Tübingen.

Vergleiche Häuber, Sommersemester 2010 - "Römische Archäologie I - Republik", 10. Vorlesungssitzung, Di.[enstag], 6. Juli 2010;

online unter: <https://FORTVNA-research.org/haeuber/uni-tuebingen/Vorlesungen.html>:

"Wir hatten ja bereits in der letzten Stunde gehört, dass, als eine Folge des 2. Punischen Krieges, die Bevölkerungszahl der Stadt Rom dramatisch angewachsen war. Es handelte sich um die italische Landbevölkerung, die sich nach Rom geflüchtet hatte.

Dies hatte große wirtschaftliche Verluste und andere bedeutende Umwälzungen zur Folge, 1.) weil niemand die im Krieg vom Heer Hannibals verwüsteten Felder und Anpflanzungen in Stand setzte, wieder bewirtschaftete und somit Ernten einfuhr, 2.), weil es zuvor hauptsächlich die Männer dieser bäuerlichen italischen Landbevölkerung gewesen waren, aus denen die römischen Legionen rekrutiert wurden [mit Anm. 411], und 3.) weil der römische Staat diese nun heimatlosen Menschen ernähren musste.

Noch sind wir aber gar nicht so weit, denn der 2. Punische Krieg dauert ja noch an. In seiner Not befragt der römische Senat wieder einmal die Sibyllinischen Bücher (Ritualvorschriften), die, wie wir in einer früheren Vorlesungssitzung gehört hatten, in den Favisae Capitolinae, den ehemaligen Zisternen des IOM [Iuppiter Optimus Maximus]-Tempels auf dem Capitolium, gelagert waren [mit Anm. 412]. Ausserdem wurde eine Delegation nach Delphi geschickt, um auch das Orakel des Apollon zu der Frage zu hören, wie die Römer die Karthager besiegen könnten. Die Antwort lautete, sie `sollten die Mutter suchen und nach Rom bringen´ [mit Anm. 413]. Dies wurde dahingehend verstanden, dass die Göttin Mater Magna gemeint sei. Es gelang den Römern tatsächlich, auf diplomatischen Wege mit Hilfe des Königs Attalos I. von Pergamon, mit dem die Römer ein Freundschaftsbündnis hatten, und in dessen Herrschaftsbereich die phrygische Stadt Pessinus lag [mit Anm. 414], das Kultbild der Mater Magna aus Pessinus in Phrygien (Kleinasien) zu erhalten [mit Anm. 415]. Das war ein schwieriges Unterfangen, denn welche antike Stadt hätte freiwillig ihre Stadtgöttin hergeben wollen ?

Die Mater Magna aus Pessinus war nun nicht etwa ein menschengestaltiges Kultbild, sondern ein schwarzer Stein, von dem erzählt wurde, er sei vom Himmel gefallen (daher vermutlich ein Meteorit) [mit Anm. 416]. Im Jahre 205 v. Chr. kam dann dieses anikonische Bild der Göttin in Rom an, das, da noch kein Tempel für die Göttin vorhanden war, zunächst im nebenan auf dem Palatin stehenden Tempel der Victoria (!) aufbewahrt wurde [vergleiche dazu unten, unsere Karte vom Palatin]. Im folgenden Jahr (204 v. Chr.) erfolgte der Baubeginn des Tempels der Mater Magna auf dem Palatin, den die Censoren M. Livius und C. Claudius auf den Weg brachten und der 191 v. Chr. geweiht wurde [mit Anm. 417].

Bekanntlich sollte P.(ublius) Cornelius Scipio, cos. 205 v. Chr., seine Entscheidungsschlacht gegen Hannibal bei Zama (in der Nähe von Karthago) im Jahre 202 v. Chr. schlagen. Im Jahre 201 v. Chr. schloß er einen Friedensvertrag mit Karthago, feierte einen Triumph in Rom und erhielt den Beinamen Africanus. Wir nennen ihn heute, zur Unterscheidung von Scipio Aemilianus (Scipio Africanus minor [mit Anm. 418]), der im Jahre 146 v. Chr. Karthago zerstören sollte, Scipio Africanus maior [mit Anm. 419]).

Somit war der 2. Punische Krieg im Jahre 201 v. Chr. nun endlich siegreich für Rom beendet worden. Nach der Beurteilung zeitgenössischer Römer war ihr mühsam erkämpfter Sieg über Hannibal und die Karthager im 2. Punischen Krieg vermutlich zu großen Teilen das Verdienst der Göttin Mater Magna.

Wenn Sie sich für Militärgeschichte interessieren, werden Sie in dem Buch von Rose Mary Sheldon 2005 über Spionage(- und Gegenspionage)aktivitäten der Römer während der Republik im Detail nachlesen können, weshalb die Römer gegen Hannibal zunächst kläglich versagt hatten, und warum Scipio Africanus maior ihn bei Zama letztendlich besiegen konnte [Hervorhebung von mir]".

Vergleiche meine Anm. 411:"R. M. SHELDON 2005".

Vergleiche meine Anm. 412: "s.[iehe] zum Ankauf der Sibyllinischen Bücher durch König Tarquinius Superbus, M. BEARD, J. NORTH und S. PRICE 1998 I, pp. 62-63 mit Anm. 192; E.M. ORLIN, 1997, pp. 76-77; p. 77: "When the temple of Jupiter Optimus Maximus was completed, the rolls were stored in the temple underground in a stone chest"; vgl. [vergleiche] pp. 76-115, Kapitel 3, "The Sibylline books [Hervorhebung von mir]".

Vergleiche meine Anm. 413: "A. CLARIDGE 1998, p. 126". - Wie ich erst jetzt sehe, hat Amanda diese Antwort des Apollon in Delphi aus Ovid (fast. 257-260) kopiert.

Vergleiche meine Anm. 414: "A.-M. WITTKE et al. 2007, Karte 117, zeigt das Königreich Pergamon mit der Stadt Pessinus; C. PARISI PRESICCE 2010, 21 [Hervorhebung von mir]".

Vergleiche meine Anm. 415: "KlPauly 3 (München 1979) Sp. 1074 s.v. Mater Magna (K. ZIEGLER)".

Vergleiche meine Anm. 416: "A. CLARIDGE 1998, 126".

Vergleiche meine Anm. 417: "P. PENSABENE, "Magna Mater, Aedes", in: LTUR III (1996) pp. 206-208, Figs. 139-143".

Vergleiche meine Anm. 418: "OCD3 (1996) pp. 397-398 s.v. Cornelius (RE 335) Scipio Aemilianus Africanus (Numantinus), Publius, 185/ 184-129 v. Chr. (E. BADIAN); C. HÄUBER 1994, S. 912 mit Anm. 20, 21".

Vergleiche meine Anm. 419: "KlPauly 5 (München 1979) Sp. 47-50 s.v. Scipio `Stock´ [weil der erste Träger dieses Cognomens seinen Vater wie ein Stab gestützt hatte], Nr. 10, Scipio, P. Cornelius Africanus (M. DEIßMANN-MERTEN [Hervorhebung von mir]); OCD3 (1996) p. 398 s.v. Cornelius (RE 336) Scipio Africanus (the elder), 236-183 v. Chr. (J. BRISCOE); C. HÄUBER 1994, S. 11-12 mit Anm. 9".


Meine Interpretation des Berliner Reliefs (hier Abb. 1; Taf. 53-55) in meiner Publikation Häuber (1998) und neu hinzugewonnene Erkenntnisse


Hans Rupprecht Goette war so freundlich, mit mir den folgenden Textabschnitt in einer Emailkorrespondenz vom 4.-29. März 2026 zu besprechen.

Als Folge dieser Diskussionen habe ich zu einigen der erwähnten Themen weiter geforscht und auf diese Weise neue Erkenntnisse hinzugewonnen.

Meine Interpretation (Häuber 1998) des Berliner Reliefs (hier Abb. 1; Taf. 53-55) als Darstellung des `Aufbruchs der Göttin Kybele in Pessinus´ stützte sich auf die im Folgenden genannten Beobachtungen an den drei Relieffragmenten, sowie - wegen der Helmformen der Soldaten auf Fragment c, die in der pergamenischen Kunst vorkommen - auf die Annahme, dass der Auftraggeber des Frieses der Version dieser Geschichte des Livius (29.10.4-11.8) gefolgt sei, derzufolge die Teilnehmer der römischen Gesandtschaft in Pessinus aus den Händen von König Attalos I. von Pergamon das Kultbild der Mater Magna erhalten hatten.

Ich war deshalb (Häuber 1998, S. 684-685, mit Anm. 51, 54) bezüglich der Deutung des Reliefs zu folgendem Schluss gelangt:

``In Gegenwart von (mindestens) zwei römischen Patriziern klettern griechisch gekleidete Männer, Frauen und (mindestens zwei) Kinder eine steile Felswand herab. Sie begeben sich in seltsam getragen wirkender Stimmung [mit Anm. 51] zu Flussbooten, die gekommen sind, um sie abzuholen. Der Steuermann des hinteren Bootes ist möglicherweise weder Römer noch Grieche und die Boote zeigen an, daß es sich bei dem Gewässer um einen Fluss handelt, der demnach durch ein Tal mit steilen Felswänden fließt. Über [Seite 685] der Anlegestelle am Fluss befindet sich eine Stadt, aus der die auf den Fragmenten a und b dargestellten Leute herabgestiegen sind, und in der sich eine Menschenmenge versammelt hat, von der Fragment c einen Ausschnitt zeigt (Taf. 55) ...

Auch die von belgischen Ausgräbern erschlossene topographische Lage des Kybeletempels in Pessinus [mit Anm. 54], der in beherrschender Lage über dem engen Tal des Flusses Gallos erbaut war, paßt zu der auf dem Relief wiedergegebenen Landschaft [Hervorhebung von mir]´´. - Darauf werde ich unten noch einmal zurückkommen.


Wenden wir uns nun meinen Beobachtungen an den drei Relieffragmenten in meinem Text (Häuber 1998) zu :


a) auf Fragment b (Abb. 1; Taf. 54, 1-54, 3; Häuber 1998, S. 679, mit Anm. 14, 15, 16; S. 683-684, mit 44, 45, 49) erscheinen zwei Römer, die calcei tragen; von dem rechten Römer sind nur seine Füße zum Teil erhalten.


Im Unterschied zu meinem Text (Häuber 1998) haben wir hier, nach Taf. 54,1, einen zusätzlichen Kasten eingefügt.

Darin bilden wir links erstmals eine der Neuaufnahmen der Berliner Relieffragmente ab, die Huberta Heres für mich in Auftrag gegeben, und für die sie mir eine Publikationserlaubnis erteilt hatte: Eine Vergrösserung der beiden Füsse des linken Römers auf Fragment b: Staatliche Museen zu Berlin. Preußischer Kulturbesitz (Inv. Nr. Sk 955 b). Neg.-Nr. N 6. Photo: Johannes Laurentius.

Rechts erscheint eine Umzeichnung des rechten Fusses vom Genius des Senats auf Fries A der Cancelleriareliefs. Aus: Filippo Magi (1945, p. 22 mit Anm. 2, Fig. 21). Magi bezeichnete diesen Stiefel des Genius des Senats als calceus senatorius, teilte aber mit, dass dieser Stiefel genausogut calceus patricius genannt werden könne.

Vergleiche für eine Diskussion dieser Darstellung des Genius des Senats: C. Häuber (2021/2023, S. 564 ff., Kapitel "V.1.i.3.) My own hypotheses concerning the design, manufacture and meaning of both friezes of the Cancelleria Reliefs (cf. here Figs. 1; 2) ..."; und für eine Abbildung der Umzeichnung des gesamten Frieses A der Cancelleriareliefs, Magi (1945, Tav. Agg. D 1), die Previews von C. Häuber (2021/2023, Kapitel: "The major result of this book on Domitian", Fig. 1 (der Genius des Senats ist figure 11). Online unter:<https://FORTVNA-research.org/FORTVNA/FP3/Book_on_Domitian_major_results.html>; sowie Kapitel: "The major results of this book on Domitian - Die wichtigsten Ergebnisse dieses Buches über Domitian", Fig. 1 (der Genius des Senats ist figure 11). Online unter: <https://FORTVNA-research.org/FORTVNA/FP3/Buch_Domitian_wichtigste_Ergebnisse.html>.


Der linke, besser erhaltene Römer auf Taf. 54, 1, trägt die republikanische toga exigua (siehe dazu unten). Die letztere Tatsache zeigt an, dass das dargestellte Geschehen in der Vergangenheit spielt.

Dass der linke Römer ein Togatus ist, und dass beide Römer calcei tragen, hat German Hafner erkannt, der die beiden Männer für consules hielt.

Vergleiche German Hafner (1990, S. 67, 69):

"Die knöchelhohen Schnürschuhe der beiden ruhig stehenden Männer sind unverkennbar römisch, und die Kleidung des gut erhaltenen Mannes wird man ebenfalls für die typische eines römischen Bürgers halten ... [S. 69] ... Darüber hinaus ist der Togatus und sein nicht erhaltenes Gegenstück ausgezeichnet durch die Ruhe der Erscheinung, die würdige Haltung und amtliche Pose. Die Schuhe, die calcei, bezeichnen sie zudem als hohe römische Beamte, und da sie zu zweit auftreten, wird man in ihnen Konsuln sehen dürfen. Sie sind Amtspersonen und als solche bei dem Ereignis zugegen [Hervorhebung von mir]".

Frühere Gelehrte, wie zum Beispiel Reinhard Kekule von Stradonitz (1922), hatten den dargestellten Mann (die Füsse des rechten Mannes übersah er wohl) für einen Griechen gehalten (vergleiche meinen Text Häuber 1998, S. 677, Anm. 2, und S. 680, den Text zu Anm. 23; sowie Häuber 2026a, die überarbeitete und erweiterte Fassung von Häuber 1998, mit Anm. 2); nach der "Beschreibung der Skulpturen 1891", Kat. Nr. 955, sei dieser Grieche mit einem Himation bekleidet.

Da der linke Römer auf Fragment b (Taf. 54, 1) tatsächlich calcei trägt (siehe dazu unten) bin ich in meinem Text (Häuber 1998) Hafner (1990, S. 67, 69) auch darin gefolgt, dass es sich bei seinem Obergewand um eine Toga handelt.

Heute, nach 28 Jahren, und mit etwas grösserem Überblick in der altertumswissenschaftlichen Forschung, sowie nach der oben erwähnten Diskussion mit Hans Rupprecht Goette über diesen Textabschnitt, sehe ich die Situation etwas differenzierter: Während ich nach wie vor sicher bin, dass der auf Fragment b (hier Taf. 54, 1-3) dargestellte junge Mann - wegen seiner calcei - ein Römer ist, sollten wir doch auch den Vorschlag einiger früherer Gelehrter (siehe oben) erwägen, dass er ein griechisches Himation trägt. Das kam gar nicht einmal selten vor, üblicherweise, wie inzwischen auch ich weiss, wenn sich der entsprechende Römer in Griechenland aufhielt; vergleiche Häuber (2021/ 2023, S. 111: Zu Hadrian; vergleiche S. 115: Domitian trat bei den von ihm gegründeten Ludi Capitolini auf dem Kapitol sogar in Rom in griechischer Kleidung auf !). Wobei in den Fällen von Hadrian und Domitian das Tragen eines Himations/ griechischer Kleidung von den Zeitgenossen und von der modernen Forschung als sehr bedeutungsvolle Geste verstanden wurde und wird. Vertiefen kann ich dieses Thema hier aber leider nicht, denn in diesem Zusammenhang wäre ja auch zu prüfen, ob ein mit einem Himation bekleideter Römer trotzdem mit seinen römischen calcei dargestellt worden sein könnte.

Wenden wir uns nun den calcei zu, die unser Römer auf Fragment b (Taf. 54, 1.2) trägt.

Walter Hatto Gross (1913-1984; vergleiche KlPauly 1979 1, Sp. 1012-1013, s.v. Calceus) stellte fest, dass bereits in der Antike die `Arten calceus patricius und calceus senatorius nicht immer sauber voneinander getrennt´ worden seien :

"Der zur vestis forensis des röm.[ischen] Bürgers gehörige Lederschuh (unpassende Beschuhung wird gerügt) mit weichem Oberleder, der über die Knöchel hinaufreichte und einen von einer Lederlasche verdeckten Schlitz zum Hineinschlüpfen ... an der Innenseite hatte. Männer tragen ihn wohl naturfarbig ... Senatoren tragen den c.[alceus] senatorius als Standeszeichen ... Dieser war in älterer Zeit rot, später wohl schwarz, und zeichnet sich durch sohlenparallel geführte Riemen bis zur halben Wadenhöhe aus; von 2 Knüpfstellen über dem Schienbein hängen 4 Riemen- [Sp. 1013] enden herab (corrigiae; lora patricia); vgl. [vergleiche] etwa die Reiterstatue Marc Aurels auf dem Kapitol in Rom [die jetzt im Konservatorenpalast steht]. Patrizier (später nicht nur diese) trugen über dem Knöchel, wohl an einer der Knüpfstellen eines c.[alceus] hängend, eine elfenbeinerne, halbmondförmige Agraffe (luna, lunula); ob dies der einzige Unterschied zwischen den schon im Altertum nicht immer sauber getrennten Arten des c.[alceus] senatorius und des c.[alceus] patricius ist, läßt sich nicht mehr sicher ausmachen ... [Hervorhebung von mir]".

Walter Hatto Gross (op.cit.) und Filippo Magi (1905-1986; vergleiche 1945, p. 22, mit Anm. 2, Fig. 21 [die wir oben abgebildet haben]) gingen aber beide davon aus, dass sich beide Formen der calcei (der calceus senatorius und der calceus patricius) dadurch auszeichneten, dass ihre Riemen zwei "Knüpfstellen" besassen. So Gross (op.cit.), und Magi (op.cit.) schrieb, dass er die von ihm diskutierten Stiefel des Genius des Senats zwar als calcei senatorii bezeichne, dass er sie aber mit gleicher Berechtigung calcei patricii nennen könnte.

Wie ein Vergleich der beiden Illustrationen in unserem oben abgebildeten Kasten zeigt, befindet sich am linken Fuss des Römers auf Fragment b im Pergamonmuseum die erkennbare "Knüpfstelle" der Riemen seines calceus an derselben Stelle, nämlich auf Höhe seines Knöchels, wie die untere der beiden Knotungen der Riemen des calceus auf der Umzeichnung des rechten Fusses des Genius des Senats auf Fries A der Cancelleriareliefs in Magi (1945, p, 22, Fig. 21). Wie gesagt, identifizierte Magi diesen Stiefel als einen calceus senatorius, mit dem Hinweis, dass er ihn ebensogut als einen calceus patricius bezeichnen könnte.

Auf Magis Umzeichnung des rechten Fusses des Genius des Senats vom Cancelleriapalast erkennt man auch `die Lederlasche auf der Innenseite des calceus, die nach Gross (1979, Sp. 1012) den Schlitz zum Hineinschlüpfen in den Stiefel verdeckte´.

Hat man erst einmal verstanden, wo sich diese Lederlasche befand, erkennt man, dass sie gleichfalls am rechten Fuss des Römers auf Fragment b sichtbar ist (das habe ich erst jetzt auf dem hier abgebildeten Detailphoto gesehen, muss es aber noch am Original überprüfen).

Da es auch calcei mit nur einer Knotung der Riemen gab (siehe dazu unten), ist meiner Meinung nach für die Definition, um welchen calceus es sich im Falle einer antiken Darstellung handelt, entscheidend, wo genau sich eine solche Knotung "über dem Schienbein" befindet, wie Gross (1970, Sp. 1012) schrieb. Salopp gesagt, haben die calcei mit zwei "Knüpfstellen" eine solche "Knüpfstelle" (weiter) oben, und die andere "Knüpfstelle" (weiter) unten, wobei sich letztere, nach Gross (1979, Sp. 1013), in Höhe des Knöchels befand, was von der oben abgebildeten Darstellung des rechten Fusses des Genius des Senats auf Fries A der Cancelleriareliefs, sowie von der Schemazeichnung des calceus patricius von Hans Rupprecht Goette (1988, Abb. 35a; siehe dazu unten) bestätigt wird.

Interessanterweise befindet sich an den calcei mit nur einer Knotung der Riemen diese an derselben Stelle wie die obere Knotung an den calcei mit zwei "Knüpfstellen". Vergleiche für beide hier erwähnten Formen der calcei: Hans Rupprecht Goette (1988, 451, Abb. 35a-c: Seiner r[zwei Knotungen der Riemen] und bei seiner Schemazeichnung Abb. 35b um den calceus senatorius [eine Knotung der Riemen]); darauf werde ich unten zurückkommen.

Wenn wir den Erkenntnissen von Goette (1988, Abb. 35a) folgen, dann ist demnach das Kennzeichen der calcei patricii, dass sie nicht nur eine obere "Knüpfstelle" ihrer Riemen, sondern ausserdem, auf Knöchelhöhe ihres Trägers, eine untere Knotung ihrer Riemen aufwiesen.

Da ich auf dem linken Fuss des Römers auf Fragment b, in Knöchelhöhe, eine solche untere "Knüpfstelle" der Riemen seines calceus erkannt hatte, die ich auch auf dem oben abgebildeten Detailphoto der Füße dieses Römers sehe, bin ich in meinem Text (Häuber 1998, S. 679 mit Anm. 14) Hafner (1990, S. 67, 69) bezüglich des von ihm postulierten hohen gesellschaftlichen Ranges der beiden auf diesem Relief dargestellten Römer gefolgt; auch nach erneuter Prüfung des Sachverhaltes bleibe ich bei diesem Urteil.

Hans Rupprecht Goette hat bezüglich des calceus senatorius eine ganz andere Überzeugung entwickelt, als die, die wir oben bereits kennengelernt haben; vergleiche Goette (1988, S. 451, Abb. 35a-c, Schemazeichnungen des "calceus patricius, senatorius, equester", vergleiche dazu S. 464: Goettes Zusammenfassung seiner Diskussion der drei auf dieser Zeichnung dargestellten calcei). Im Unterschied zur Vorstellung von Filippo Magi (1945) und Walter Hatto Gross (1979), hat nach Auffassung Goettes (1988, S. 451, Abb. 35a-c, S. 464) ausschliesslich der calceus patricius zwei "Knüpfstellen" seiner Riemen, während der calceus senatorius nur eine, nämlich die obere Knotung seiner Riemen, besitzt.

Zum calceus des oben, in unserem Kasten, abgebildeten Genius des Senats auf Fries A der Cancelleriareliefs schreibt Goette (1988, S. 457):

"2. Der calceus senatorius

Von vornherein sind für Darstellungen des genius senatus ... zumindest die calcei senatorii zu erwarten, die patrizischen Stiefel jedoch selbstverständlich nicht ausgeschlossen. Dementsprechend trägt die Geniusgestalt an den Cancelleriareliefs ... das doppelt geknotete Schuhwerk [Hervorhebung von mir]".

Betrachten wir nun zum Abschluss dieser Diskussion noch einmal das oben, in unserem Kasten, abgebildete Detailphoto der Füsse unseres Römers auf Fragment b (Taf. 54, 1-3):

Meiner Meinung nach ist, auf Knöchelhöhe, die untere "Knüpfstelle" der Riemen am linken Fuss unseres Römers auf Fragment b (noch) vorhanden. Wenn man damit die Schemazeichnung Goettes (1988, S. 451, Abb. 35a; siehe S. 464) des von ihm studierten calceus patricius vergleicht, dann spricht diese Tatsache dafür, dass dieser Römer die calcei patricii trägt, wie ich in meinem Text (Häuber 1998, S. 679 mit Anm. 16 und S. 684, zu Anm. 51) behauptet habe.

Ich habe mich 1980 sehr intensiv mit Togen beschäftigt, und ausserdem eine `stoffreiche´ Toga kaiserzeitlichen Zuschnitts selbst genäht (siehe dazu unten).

Auf Grund dieser Erfahrungen, bin ich (im Text Häuber 1998, S. 679 mit Anm. 15) zu dem Schluss gelangt, dass es sich bei dem Gewand, das der Römer auf Fragment b (Taf. 54, 1-3) trägt, um eine republikanische toga exigua handeln muss.


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