b) bei den auf Fragment a (Abb. 1; Taf. 53, 1.2; vergleiche Häuber 1998, S. 678, mit Anm. 4, 6; S. 679, mit Anm. 11, 12; S. 681, mit Anm. 27; S. 683, mit Anm. 43) sichtbaren Schiffen handelt es sich um Flussboote, wie mir Olaf Höckmann als Kommentar zum Manuskript für meinen Text (Häuber 1998, S. 681) mitgeteilt hatte (vergleiche Anm. 27: ``... Olaf Höckmann kommentiert meinen Text folgendermaßen: "... daß die `Boote´ mit dem Bug angelandet sind, zeigt eindeutig, daß es sich um ein Fluss-Milieu handelt. Im Mittelmeer gingen Ruderschiffe nämlich mit dem Heck voran ans Ufer ... Demgegenüber war und ist es auf Flüssen selbstverständlich, gegen die Strömung zu landen – also mit dem Bug voran [Hervorhebungen vom Autor]")´´.
Frühere Gelehrte hatten dagegen angenommen, dass auf Fragment b ein Fluss (Abb. 1; Taf. 54, 1-2), und auf Fragment a das Meer (Abb. 1; Taf. 53, 1) dargestellt sei (wobei dieser Fluss in dieses Meer münde), sowie, dass die auf Fragment a und Fragment b dargestellten Personen - ausser den beiden Römern - auf diesen Schiffen fliehen wollen.
Auf Grund von Olaf Höckmanns Analyse der Darstellung dieser Flussboote auf Fragment a, habe ich dagegen im Text (Häuber 1998, S. 681, zu Anm. 27) folgende Deutung der Darstellung vorgeschlagen:
``m.E. [meines Erachtens] ist aufgrund der Ausrichtung der Boote auf das Ufer erwägenswert, daß sie gekommen sind, um die Leute abzuholen [Hervorhebung von mir]´´.
Im dargestellten Zeitraum kann der Steuermann im hinteren Boot auf Fragment a, wegen seines Vollbarts und seiner Kleidung, kein Grieche sein (vergleiche Häuber 1998, S. 683, zu Anm. 43), auch ein Römer ist er deshalb nicht´´. Zu diesem Steuermann im hinteren Boot auf Fragment a werde ich unten noch einmal zurückkommen.
Wie oben bereits gesagt, hatte ich in meinem Text (Häuber 1998, S. 685 mit Anm. 54) Folgendes behauptet: ``Auch die von belgischen Ausgräbern erschlossene topographische Lage des Kybeletempels in Pessinus, der in beherrschender Lage über dem engen Tal des Flusses gallos erbaut war, paßt zu der auf dem Relief wiedergegebenen Landschaft´´.
Mein Dank gilt Franz Xaver Schütz, der jetzt meine hier vorgeschlagene Interpretation des Berliner Reliefs (hier Abb. 1; Taf. 53-55) bestätigt hat.
Im Zusammenhang seines Beitrags: "Mit Kybele von Pessinus nach Rom - eine topographische Übersichtskarte" (2026), hat Franz den soeben zitierten Kommentar von Olaf Höckmann (siehe Häuber 1998, S. 681, Anm. 27) studiert, und diesen mit der topographischen Lage der archaischen Stadt Pessinus mit dem archaischen Tempel der Kybele verglichen, wie sie die belgischen Ausgräbern (1995, pp. 131, 134, 135) im Detail beschrieben haben; vergleiche hierzu Häuber 1998, S. 685, mit Anm. 54. Auch auf ihrer Karte von Pessinus haben die Ausgräber das dokumentiert, die wir hier im Folgenden noch einmal abbilden.
So hat auch Franz festgestellt (genau, wie von mir angegeben), dass der Fluss Gallos (bevor er in augusteischer Zeit kanalisiert worden ist), unterhalb der archaischen Stadt Pessinus (wo später der spätaugusteische Tempelkomplex, das Sebasteion, erbaut werden sollte), ursprünglich von Süden nach Nordosten durch die Stadt Pessinus floss;
da sich die archaische Stadt Pessinus auf dem rechten (östlichen) Ufer des Flusses Gallos befunden hatte, passt diese topographische Situation, wie von mir behauptet (Häuber 1998, S. 685, mit Anm. 54) zu der Darstellung auf dem Berliner Relief (hier Abb. 1; Taf. 53-55);
denn, wenn ein Flussboot auf dem rechten (östlichen) Ufer des Gallos landen wollte, musste es, wie von Olaf Höckmann mitgeteilt (siehe meinen Text Häuber 1998, S. 681, Anm. 27), "gegen die Strömung landen";
weshalb meine Hypothese, dass das Berliner Relief das rechte (östliche) Ufer des Flusses Gallos zeigt, durch Höckmanns Beobachtungen bestätigt wird: Denn da die beiden Flussboote auf Fragment a des Berliner Reliefs, `von links kommend´, angelandet sind, kann es sich bei dem auf den Fragmenten a und b dargestellten Fluss (hier Abb. 1; Taf. 53-54) tatsächlich um den Gallos unterhalb der archaischen Stadt Pessinus handeln, der ursprünglich von Süden nach Nordosten durch die Stadt Pessinus floss.
Karte von Pessinus. Aus: J. Devreker, H. Thoen und F. Vermeulen (1995, p. 126, Fig. 1, Detail): "General plan of the archaeological unities in Pessinus". Auf dieser Karte erkennt man die prominente Lage des spätaugusteischen Theatertempelkomplexes, des Sebasteions, auf dem rechten (östlichen) Ufer, und hoch über dem Fluss Gallos, der ursprünglich von Süden nach Nordosten durch die Stadt Pessinus floss. Die Autoren zeigen innerhalb des Stadtgebietes von Pessinus nicht den Fluss Gallos, sondern die Tatsache, dass der Fluss in augusteischer Zeit unterhalb des archaischen Stadtgebietes von Pessinus kanalisiert worden war, um an seiner Stelle eine Prachtstraße zu errichten (oder, wie A. Verlinde 2015, p. 33, schreibt, einen cardo maximus). Vergleiche die Beschriftung: "ROMAN CANALISATION AND MAIN STREET"; an diese kanalisierte Strecke im Norden anschließend ist der Fluss "GALLOS" eingezeichnet. Nach J. Devreker, H. Thoen und F. Vermeulen (1995, pp. 131, 134, 135) hatte sich auch die archaische Stadt Pessinus mit dem Tempel der Kybele auf dem rechten (östlichen) Ufer des Flusses Gallos befunden, dort, wo auf ... der Karte in "SECTOR B" der Ausgrabungen, in spätaugusteischer Zeit, auf A. Verlindes (2015, pp. 31, 56, 72) "promontory", der "ROMAN TEMPLE COMPLEX" (der Theatertempelkomplex, das Sebasteion), entstand. Unmittelbar südwestlich von "SECTOR B" befindet sich "SECTOR H".
Karte von Pessinus. Zum Vergleich bilde ich hier auch die von A. Verlinde (2015, p. 34, Fig. 4, pp. 41-42, mit Anm. 45) publizierte Karte ab: "Fig. 4. Valley of Ballıhisar overlaid with Texier's structures", und zwar deshalb, weil auf ihr auch der Fluss Gallos eingezeichnet ist. Auf dem rechtem Ufer des Gallos, auf A. Verlindes (2015, pp. 31, 56, 72) "promontory", erscheint an der Stelle des spätaugusteischen Theatertempelkomplexes, dem Sebasteion, "Texier's Temple of the Mother of the Gods". Vergleiche für die originale Karte von Texier: A. Verlinde (2015, p. 42, "Fig. 6. Very hypothetical plan of the ruins drawn by Charles Texier during his visit of Ballıhisar in 1834").
Vergleiche zu seiner hier abgebildeten Karte auch: A. Verlinde (2015, Section: "3. Ninetheenth century explorations", p. 41) :
"The French explorer Charles Texier, passed by the Ottoman village of Ballihisar in 1834 and correctly identified it with Pessinus [mit Anm. 45; Hervorhebung von mir]".
In seiner Anm. 45, schreibt Verlinde: "C. TEXIER, Description de l’Asie Mineure faite par ordre du gouvernement français de 1833 à 1837: Beaux-arts, monuments historiques, plans et topographie des cités antiques, I, Paris, 1839, p. 163-170, pl. LXII".
Mit Franz Xaver Schütz habe ich ausserdem die Bekleidung des oben schon erwähnten Mannes im hinteren Boot auf Fragment a (hier Abb. 1; Taf. 53,2) diskutiert.
Vergleiche zur Kleidung dieses Mannes: Häuber (1998, S. 678):
"Der Steuermann des hinteren Bootes (Taf. 53,2) ... trägt eine Lederkappe und ein ungegürtetes Gewand mit wolliger Oberfläche (ein Fell?) [Hervorhebung von mir]".
Franz erklärt mir, dass die Darstellung des Gewandes zeigt, dass es aus Wollstoff geschneidert sein könnte.
Wenn das der Fall gewesen ist, könnten wir die Darstellung dieses Mannes womöglich als weiteres Argument dafür heranziehen, dass das Berliner Relief (hier Abb. 1; Taf. 53-55) die Stadt Pessinus zeigt.
Wir werden nämlich später von Eckart Olshausen ("Pessinus", in: KlPauly 4, 1979, Sp. 667) Folgendes erfahren:
"P.[essinus] entwickelte sich sehr früh zu einem mächtigen Priesterstaat auf der finanziellen Basis eines blühenden Handels (vgl. [vergleiche] Textilien aus P.[essinus] [4]), dessen Umfang bes.[onders] bei der alljährlichen Frühjahrsmesse sichtbar war, die in Verbindung mit dem Hauptjahresfest der Göttin [Kybele] abgehalten wurde (vgl. [vergleiche] [4]) ... [Hervorhebung von mir]".
Dass es sich hierbei um Textilien aus Wolle handelte, erfahren wir aus der von Olshausen zitierten Literatur, was im Übrigen auch Franz Xaver Schütz bei seinen diesbezüglichen Forschungen bestätigt gefunden hat (siehe dazu unten). Dass hier Wolle produziert worden ist, schliesse ich auch aus der Mythologie der phrygischen Kybele, die wir später durch David Adams Leeming (1998, p. 25) kennenlernen werden: Demnach ist Kybele die Tochter des Königs Meion von Phrygien und seiner Gemahlin Dindyme; der König setzt seine neugeborene Tochter auf dem Berg Kybelos aus, wo sie von wilden Tieren genährt wird, bis Hirtinnen sie entdecken, die das Kleinkind mitnehmen, und es nach dem Ort benennen, wo sie es gefunden haben.
Franz Xaver Schütz hat sich in seinem Beitrag: "Mit Kybele von Pessinus nach Rom - eine topographische Übersichtskarte" (2026), auch mit dieser Fragestellung beschäftigt und dabei festgestellt, dass diese Region Anatoliens bereits seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. für seine Wollproduktion bekannt war:
"SCHOOP (2014) zeigt die Entwicklung der Produktion von Textilien in Anatolien seit dem 4ten Jahrtausend v. Chr. und in der darauf folgenden Zeit auf. Dabei geht er auch auf Wolle von Schafen ein ("woolly sheep", S. 430), ebenso auf die bedeutende soziale und ökonomische Bedeutung der Produktion und des Handels mit Textilien. Da Pessinus nach Strabon (Geographika, 12.5.3) das größte Handelszentrum ("Emporion") in der Region gewesen ist, kann begründet angenommen werden, dass der Handel mit Textilien dort auch noch zur Zeit von Strabon eine entsprechende Rolle gespielt hat.
Literatur
HOREJS, Barbara, MEHOFER, Mathias (Eds.) (2014): Western Anatolia before Troy. Proto-Urbanisation in the 4th Millennium BC? Proceedings of the International Symposium held at the Kunsthistorisches Museum Wien, Vienna, Austria, 21-24 November, 2012. Austrian Academy of Sciences Press, Vienna 2014.
SCHOOP, Ulf-Dietrich (2014): Weaving Society in Late Chalcolithic Anatolia: Textile Production and Social strategies in the 4th Millennium BC. In: HOREJS, MEHOFER (Eds.) (2014), S. 421-446".
Am 5. Juli 2026 konnte ich Peter Herz die Bekleidung des Steuermanns auf Fragment a (hier Abb. 1; Taf. 53,2) in einem Telefonat schildern. Herr Herz hat mir daraufhin freundlicherweise mitgeteilt, dass auch er sich in seinem Aufsatz (Herz 2008) mit Schafzucht beschäftigt hat; ausserdem hat er mich auf das Buch von Christophe Chandezon (L'élevage en Grèce (fin Ve-fin Ie s. a.C.): L'apport des sources épigraphiques, 2018) über die Schafzucht im griechischen Bereich hingewiesen.
Fahren wir nun fort mit meinen Beobachtungen an den drei Relieffragmenten (hier Abb. 1; Taf. 53-55) in meinem Text (Häuber 1998):
c) sowohl die auf Fragment a in diese Flussboote steigenden Personen (Abb. 1; Taf. 53, 1; vergleiche Häuber 1998, S. 678-679, mit Anm. 7, 8), als auch die auf Fragment b dargestellten Personen - außer den beiden Römern - (Abb. 1; Taf. 54, 1.2; vergleiche Häuber 1998, S. 680, mit Anm. 17), sind offensichtlich die auf Fragment b gezeigte Felswand herabgestiegen; diese Personen stammen daher alle aus der oberhalb dieser Felswand befindlichen Stadt;
d) wegen der Tatsache, dass die auf Fragment c (Abb. 1; Taf. 55, 1.2; vergleiche Häuber 1998, S. 681, mit Anm. 28-31) dargestellten Personen kleiner dargestellt sind als die auf den Fragmenten a und b, muss sich die auf Fragment c gezeigte Menschenmenge in jener Stadt oberhalb der Felswand befinden, aus der die auf Fragment a und Fragment b gezeigten Leute - außer den beiden Römern - herabgestiegen sind: Der Künstler dieses Reliefs arbeitet also mit perspektivischen Mitteln;
e) Fragment c zeigt eine Menschenmenge (Abb. 1; Taf. 55, 1.2; vergleiche Häuber 1998, S. 682, mit Anm. 35-40: Unter anderem Petros Dintsis 1986 zu den Helmen der Soldaten): `Spalier stehende´ Soldaten, hinter denen sich Frauen und Mädchen drängen. Die Formen der Helme dieser Soldaten kommen in der pergamenischen Kunst vor. Die Frauen und Mädchen dieser Menschenmenge und alle Personen, die auf Fragment a und auf Fragment b den Flussbooten zustreben, sind griechisch gekleidet;
f) unterhalb der auf Fragment b gezeigten Felswand befand sich wohl eine Höhle (Abb. 1), in der man auf (Taf. 54, 2; mit Anm. 58, 59) ein Pedum erkennt (das zum Gott Pan gehört hat, oder zu einer der Personen, die die Felswand herabgestiegen sind?). Auf der auf unserer Abb. 1 gezeigten Umzeichnung der drei Relieffragmente (aus: Th. Schreiber, Die hellenistischen Reliefbilder, Leipzig 1894, Taf. 90; vergleiche Häuber 1998, S. 677, Anm. 2) ist dieses Pedum auf Fragment b (siehe Taf. 54, 2) irrtümlich als (gondelförmiger) Bug des auf Fragment a (vergleiche Taf. 53, 1) sichtbaren hinteren Flussbootes interpretiert worden (vergleiche Häuber 1998, S. 679, Anm. 11, 12);
g) die beiden weiblichen Gestalten der auf Fragment b sichtbaren `Dreiergruppe´ (zwei junge Frauen oder Mädchen und ein junger Mann (Abb. 1; Taf. 54, 1.2; vergleiche Häuber 1998, S. 686, mit Anm. 56) tragen Chitone, die von einer ihrer Schultern gleiten; das trifft auch für die Frau zu, die auf Fragment a im hinteren Boot steht (Abb. 1; Taf. 53, 1). Dieses ikonographische Detail ist für Darstellungen der Göttin Aphrodite/ Venus typisch (sowie für Frauen, die mit ihr verglichen wurden, wie zum Beispiel grundsätzlich in Griechenland alle Bräute; vergleiche Häuber 2014, S. 578, Figs. 105; 107, A; 107, B; 108); diese Ikonographie kommt aber auch bei Darstellungen von Frauen im Kybelekult vor; auch das unter Punkt f) genannte Pedum gehört in diesen Kontext.
Wegen dieses ikonographischen Details, `Darstellung von Frauen, deren Chiton von einer Schulter gleitet´, habe ich im Text (Häuber 1998, S. 686, Anm. 57) zum Vergleich des Berliner Frieses (Abb. 1; Taf. 53; 54) ein stadtrömisches Relief in Budapest erwähnt, das eine Frau in dieser Ikonographie in einem `Festzug der Kybele´ zeigt, und das ich deshalb unten abbilde.
Das im Text (Häuber 1998, S. 686, zu Anm. 58, 59) und oben, in Punkt f) und Punkt g) erwähnte Lagobolon (wie dieses Wurfholz auf griechisch heißt) oder Pedum (wie es auf lateinisch heisst), gehört zum Gott Pan, der zusammen mit der Göttin Mater Magna verehrt wurde, sowie zu den Angehörigen des Kybelekultes (siehe unten, das Relief in Budapest).
Vergleiche Walter Pötscher, "Pan", in: KlPauly 4 (1979, Sp. 445-447: Zu Pan und Mater Magna); sowie Madeleine Jost, "Pan", in: OCD3 (1996, 1103):
"... His [das heisst, Pans] usual attributes syrinx and lagobolon (a device for catching hares) mark him out as a shepherd ... [Hervorhebung von mir]"; sowie in: OCD5, s.v. Pan, Madeleine Jost, https://doi.org/10.1093/acrefore/9780199381135.013.4684, Published online: 07 March 2016.
Marmorrelief in Budapest, Museum der Bildenden Künste (Inv. Nr. 4826). Aus: A. Hekler (1929, S. 138, Kat. Nr. "129. Festzug der Kybele, Relieffragment, Marmor. H.[öhe] 42,3 cm, Br.[eite] 54 cm. Aus Rom ... Fragment einer Statuenbasis mit der Darstellung des Festzuges der Kybele. Den in berauschtem Tanzschritt voraneilenden orientalisch gekleideten, mit Pauke und Pedum ausgerüsteten Eingeweihten, zwei Frauen und zwei Männer, folgen die an Leinen geführten brüllenden Löwen des Wagens der Kybele, die, über den Tod ihres Geliebten klagend, über das Land zog ... Die Arbeit des Budapester Reliefs weist auf das 2. Jahrhundert n. Chr. ...".
Im Unterschied zu Hekler bin ich der Ansicht, dass die auf diesem Relief komplett erhaltene Frau nicht, wie der Mann links von ihr (der Anaxyrides und eine phrygische Mütze trägt) orientalisch gekleidet ist, sondern einen Chiton trägt, der von ihrer rechten Schulter geglitten ist; auch die von Hekler erwähnte Pauke sehe ich nicht. Im Übrigen müssen diese tanzenden Begleiter der Kybele nicht `berauscht´ sein, wie Hekler schrieb. Photo dieses Reliefs in Budapest: courtesy H.R. Goette. Dieses Relief wird im Katalog von H.R. Goette und Á.M. Nagy (in Druckvorbereitung) publiziert. Freundlicher Hinweis per Email von H.R. Goette am 5. März 2026. Ich kenne dieses Relief nicht aus Autopsie.
Vergleiche für die von Hekler (1929, S. 138, zu seiner Kat. Nr. 129) beschriebene `orientalische Kleidung´: Jan N. Bremmer ("Kubaba, Kybele and Mater Magna: The long March of two Anatolian Goddesses to Rome", 2020, p. 25 mit Anm. 126), der Grabreliefs von Priestern (den sogenannten galli) der Kybele in Pessinus studiert hat: Diese tragen "pointed hats" und "anaxyrides, trousers". Diese Hosen gehören nicht zur antiken griechischen, sondern zur antiken persischen Kleidung, was beweise, dass es in Pessinus Einflüsse aus Persien gegeben habe.
Auch Heklers (1929, S. 138) folgendes Detail seiner Deutung des Budapester Reliefs finde ich nicht überzeugend: "Festzug der Kybele ... folgen die an Leinen geführten brüllenden Löwen des Wagens der Kybele, die, über den Tod ihres Geliebten klagend, über das Land zog [Hervorhebung von mir])".
Falls Hekler, da er nichts Gegenteiliges mitteilt, einen realen "Festzug der Kybele" gemeint haben sollte, ist dazu Folgendes zu bemerken.
Meines Wissens gibt es keine antiken Schriftquellen, aus denen wir erfahren, dass die Göttin Kybele (beziehungsweise ihr Kultbild) - bei realen `Festzügen´, wie Hekler diese Darstellung deutete - in einem von Löwen gezogenen Wagen fuhr.
Vergleiche für die mythischen Löwen, in welche die Göttin Kybele das Paar Atalante und Hippomenes verwandelt hatte, und die fortan ihren Wagen zogen, Ovid (met. 10.560 ff.). Vergleiche Konrad Schauenburg ("Atalante", in: LAW 1965, Sp. 367).- Wir werden gleich eine diesbezügliche Darstellung kennenlernen.
Ich hatte zwar bislang keine eigenen Erlebnisse als Raubtier-Dompteuse in einem Zirkus oder als Tierpflegerin von Löwen in einem Zoo, aber meine jahrzehntelangen Erfahrungen mit Katzen lassen mich daran zweifeln, dass es möglich gewesen sein soll, Löwen als Zugtiere vor einen Wagen der Kybele zu spannen (!).
Verstärkt wurde mein eigener diesbezüglicher Eindruck dank der Dressuren von Haustieren, wozu auch die erstaunlichen Darbietungen einer Katze gehörten. Wobei der Mann, der diese Tiere dressiert hatte, geschildert hat, dass die Arbeit mit der Katze ganz besonders schwierig gewesen sei: Erlebt habe ich das alles bei einer Vorführung in den Universal [Film-]Studios in Los Angeles, im September 1991.
Hinzu kommt, dass die beiden Löwen auf dem Budapester Relief, im Vergleich zu dem `Eingeweihten´, wie Hekler schrieb, dem Mann, der unmittelbar vor ihnen geht und sie `an einer Leine führt´, deutlich überlebensgross dargestellt sind.
Wenn demnach, auf Grund dieser beiden Fakten, das Budapester Relief keine reale Situation zeigen kann, muss man sich fragen, was mit der Darstellung auf dem Relief denn statt dessen gemeint war, und vor allem, welche Funktion dieses Relief hatte.
Da das Budapester Relief aus Rom stammt, könnte man ja - wenn es denn eine reale Situation wiedergäbe - mutmassen, dass es tatsächlich einen "Festzug der Kybele" darstellt, wobei die Göttin Kybele bei derartigen Anlässen aber nicht "klagend über das Land zog", wie Hekler schrieb, sondern durch die Stadt Rom.
Aber abgesehen davon, dass bei diesen Prozessionen in Rom die Göttin Kybele mit Sicherheit nicht in einem von Löwen gezogenen Wagen gefahren wurde (siehe dazu unten), waren überdies genau diese Umzüge der Anhänger der Göttin Kybele in Rom vom Senat extrem reglementiert worden, womit einherging, dass der Kult der Göttin hauptsächlich auf ihren Tempel auf dem Palatin beschränkt wurde.
Vergleiche hierzu: Sarolta A. Tacács ("Cybele", in: Brill's New Pauly [DNP] vol. III, 2003, Sp. 1037-1038), die ich deshalb unten wörtlich zitiert habe.
Vergleiche für die Einzelheiten des Umgangs mit dem Kult der Göttin Kybele in Rom auch Mary Beard et al. (1998 I, pp. 96-98). Die Autoren beschreiben die in Rom verfügten harten Einschränkungen ihres Kultes und erklären sie damit, dass den Römern, vor der Ankunft der Göttin in Rom, die Besonderheiten ihres Kultes vollkommen unbekannt gewesen seien.
Wir haben schon von T.P. Wiseman (1984) gehört, der die augusteische Zeit beschreibt; siehe oben, in diesem Update, im Punkt 8.)), dass den Römern bestimmte Einzelheiten vom Kult der Kybele sehr missfielen, und dass der Senat viele der in anderen Orten für diese Göttin üblichen Kultpraktiken verboten hatte:
So sei es römischen Bürgern untersagt gewesen, an den Umzügen der Göttin in Rom teilzunehmen, das heisst, mit der bunten Kleidung der Anhänger der Göttin in der Öffentlichkeit aufzutreten, um Almosen zu betteln, und dabei die für die Göttin typische Musik zu spielen.
Desgleichen haben wir die Beurteilung der Situation durch Carlo Pavolini erfahren (2025; ebenfalls oben, im Punkt 8.)), der diesbezügliche Neuerungen unter Kaiser Claudius beschreibt.
Weitere Einzelheiten des Kybelekultes werden wir unten noch im Detail im Zusammenhang der Diskussion von Angelo Verlindes Aufsatz (2015) erfahren, von David Adams Leeming (1998), Jan N. Bremmer (2020) und Francis Redding Walton und John Scheid (1996):
Wegen dieser Besonderheiten ihres Kultes war es römischen Bürgern verboten, Priester der Kybele zu werden, auch die Selbstkastration war ihnen untersagt.
Wie wir gesehen haben, zitiert Wiseman (1984, p. 117) Dionysios von Halikarnassos (2.19.3-5), der mitteilt, dass die Göttin Kybele bei Umzügen in Rom von ihrem phrygischen Priester oder von ihrer phrygischen Priesterin durch die Stadt getragen wurde.
Paolo Liverani (2025, p. 177, Fig. 3) stellt einen stadtrömischen Sarkophagdeckel vor, auf dem ein Relief mit der detailreichen Darstellung eines Umzugs der Kybele in Rom erscheint :
"Il coperchio di un sarcofago di IV secolo, conservato nel chiostro della Basilica di S. Lorenzo fuori le mura a Roma (Fig. 3), ci mostra ... una processione in onore della Magna Mater, la cui statua in trono è portata a spalle su un ferculum davanti a un carro trainato da elefanti [mit Anm. 22; Hervorhebung von mir]".
Diesen Sarkophagdeckel erwähnt auch Elena Ghisellini (2025, pp. 84-85. mit Fig. 7).
Vergleiche Ghisellini (2025, p. 85) :
"È probabile che le scene siano in relazione con i Megalesia, che si concludevano il 10 aprile con ludi circenses, aperti da una solenne pompa deorum, durante la quale statue di divinità erano portate in processione intorno al Circo Massimo [mit Anm. 61]".
In dieser Prozession werden auf zwei fercula stehende Götterbilder auf den Schultern von jeweils acht Anhängern getragen, zuerst das Kultbild der Göttin Kybele, die verschleiert auf einem Thron sitzt (mit der Linken das Tympanon haltend), wobei ihr Thron scheinbar von zwei Löwen (!) gezogen wird. Der rechte Rand des Sarkophagdeckels ist abgebrochen, weshalb der vorderste Träger des Kybelekultbildes nicht ganz erhalten ist. Unmittelbar danach folgt das Kultbild der geflügelten Victoria. Anschließend an das Kybelekultbild sieht man im Hintergrund des Reliefs einen Tubabläser. Nach den beiden Kultbildern folgt ein Wagen, der von zwei Elefanten (!) gezogen wird.
Bekanntlich gab es auch Varianten der Ikonographie der `Kybele mit ihren beiden Löwen´, die in diesem Kultbild der Göttin auf dem oben erwähnten Sarkophagdeckel erscheint.
Roberta Alteri (2025, pp. 130-131, mit Fig. 11a) berichtet von einem:
"... simulacro di Cibele, trasportata da un leone, che do- [pagina 131] veva essere collocato sulla spina del Circo Massimo. Il gruppo statuario, forse di bronzo dorato, è noto da un passo di Tertulliano [mit Anm. 156: "Tert. spect. 8 ..."] e da numerose riproduzioni, divergenti solo per pochi dettagli, presenti su mosaici, rilievi, sarcofagi, monete, gemme e oggetti fittili [mit Anm. 137] ... in cui compare la dea, sul dorso di un leone, volta a sinistra, con il capo velato e adorno di una corona turrita, collocata su una base ...". Bei Alteris Fig. 11a handelt es sich um: "Piazza Armerina, Villa del Casale, mosaico con il Circo Massimo: particolare della statua di Cibele sul leone della spina (da G.V. Gentili, La Villa Erculia di Piazza Arnerina, I mosaici figurati, Roma 1959)".
Elena Ghisellini (2025, p. 84, mit Anm. 54, 55, mit Abb. 6), die dieselbe Bronzplastik der Kybele wie Roberta Alteri diskutiert, die, auf einem Löwen reitend, auf der spina des Circus Maximus aufgestellt war, stellt fest, dass die bekannte Marmorstatue der Kybele in der Villa Doria-Pamphilj die einzige monumentale Wiederholung dieses Kybelebildes darstellt: In dieser Marmorstatue erscheint die Göttin Kybele im `Damensitz´ auf einem ihrer Löwen reitend.
Wie nicht zuletzt die hier erwähnten stadtrömischen Denkmäler beweisen, gab es in Rom viele Anhänger des Kybelekultes. Wir wissen zwar nicht, ob Römer auf dem Budapester Relief dargestellt sind, da das Relief aber aus Rom stammt, kann es (theoretisch) von einem Römer in Auftrag gegeben worden sein.
Leider erfahren wir aus Heklers Katalog ebensowenig, wie im Fall des hier diskutierten Berliner Reliefs (hier Abb. 1; Taf. 53-55; vergleiche Häuber 2026a, mit Anm. 2), wo genau in Rom das Budapester Relief gefunden worden war.
Hans Rupprecht Goette, der, wie erwähnt, das oben abgebildete Relief in Budapest demnächst publizieren wird, war so freundlich, mir meine diesbezüglichen Fragen in einer Email vom 28. März 2026 zu beantworten, ausserdem hat er mir die Inventarnummer des Reliefs mitgeteilt.
Da ich auf dem Relief keine Pauken gefunden hatte, erklärte mir Hans, dass Hekler (1929) statt dessen Tambourine gemeint habe: Eines dieser Tambourine werde von der hinter dem vorderen Löwenkopf befindlichen, nach recht gewandten Frau mit beiden hoch über ihrem Kopf erhobenen Händen gehalten und geschlagen, siehe ihre rechte Hand auf dem gespannten Fell des Tambourins. Ich gebe gerne zu, dass ich bisher die entsprechenden Formen im Hintergrund des Reliefs gar nicht hatte deuten können. Obwohl Hekler bei allen vier "Eingeweihten" davon spricht, dass sie mit `Pauke und Lagobolon´ ausgestattet seien, hatte ich bei der rechts erscheinenden, besser erhaltenen zweiten Frau, auch nichts dergleichen gefunden, ebensowenig bei dem rechts von ihr nicht komplett erhaltenen zweiten Mann; ich hatte das untere Ende seines Lagobolons gesehen, war mir aber bezüglich der Identifizierung dieser Form nicht sicher. Hans Goette schreibt mir, dass man das zweite Tambourin bei dieser zweiten Frau wegen ihrer Armhaltung erschliessen könne, sowie dass nicht nur der links erscheinende Mann ein (deutlich erkennbares) Lagobolon trägt, sondern auch der Mann rechts von dieser zweiten Frau. Hans Goette bestätigt mir, dass die beiden Frauen Chitone tragen, und dass die beiden Männer wie Orientalen gekleidet seien: Mit Obergewändern, die mit Knöpfen geschlossen werden, die aber zum Teil offen stehen (das kann ich aber nur im Fall des linken Mannes erkennen), Hosen und phrygischen Mützen (da der Kopf des Mannes ganz rechts nicht erhalten ist, hat Hans dessen phrygische Mütze offenbar erschlossen). Alle vier Figuren tanzen, offensichtlich zu Musik, schreibt Goette. Ausserdem weist mich Hans Goette noch auf eine weitere Figur auf diesem Relief hin, die ich ebenfalls bislang noch gar nicht entdeckt hatte: Vor dem rechten Bruchrand des Reliefs ist der vordere Teil (des rechten?) Fusses einer fünften Figur erhalten, die sich demnach in gegenläufiger Richtung bewegt hat.
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