9.) Die antiken Berichte über den Kulttransfer der Göttin Kybele von Pessinus nach Rom, der von einer römischen Gesandtschaft durchgeführt wurde, und der von der Forschung im Jahre 205 oder 204 v. Chr. angenommen wird, gelten vielen dieser Gelehrten (zum Teil) als Legenden, beziehungsweise als Lügen.
Die Forschungen zu diesem Punkt 9.) habe ich zusammen mit Franz Xaver Schütz durchgeführt
Bezüglich dieses Kulttransfers der Kybele ist zunächst einmal zu fragen, warum die Römer während nahezu des gesamten Zweiten Punischen Krieges (218-201 v. Chr.) `die Karthager nicht besiegen konnten´ - das sollte ja erst Scipio Africanus maior 202 v. Chr. in der Schlacht bei Zama gelingen; siehe dazu auch unten, zu Punkt 10.).
Vergleiche "Mater Magna" (Häuber 2026b, Anm. 11):
OCD3 (1996), p. 398, s.v. Cornelius (RE 336) Scipio Africanus (the elder), Publius (J. Briscoe); siehe auch: OCD3 (1996), pp. 1633-1634, s.v. Zama, battle of (John F. Lazenby);
sowie OCD5, s.v. Cornelius Scipio Africanus, Publius, 'the elder', John Briscoe, <https://doi.org/10.1093/acrefore/9780199381135.013.1867>. Published online: 07 March 2016;
und OCD5, s.v. Zama, battle of, John F. Lazenby,
<https://doi.org/10.1093/acrefore/9780199381135.013.6926>. Published online: 07 March 2016.
Vergleiche zu Scipio Africanus maior in diesem Kontext auch Erich S. Gruen (1990, p. 21).
Und als die Römer im Jahre 205 v. Chr., aus einem ganz anderen Grund, die Sibyllinischen Bücher konsultierten (vergleiche dazu auch unten, zu Punkt 10.)), haben sie darin eine Weissagung gefunden, die sie wie folgt gedeutet haben: `Um die Karthager besiegen zu können, müssten sie die Göttin Kybele aus Pessinus nach Rom holen´; vergleiche "Mater Magna" (Häuber 2026b, mit Anm. 4), zu Livius (29.10.4; 205 v. Chr.).
Die Frage, warum Hannibal den Römern während des Zweiten Punischen Krieges zunächst so `haushoch´ überlegen war, hat meine gute Freundin, Rose Mary Sheldon, vor vielen Jahren beantworten können.
Sie ist Militärhistorikerin und Prof. emerita für Ancient History am Virginia Military Institute. Sie hat die entsprechenden Ereignisse des Zweiten Punischen Krieges detailliert geschildert und analysiert, mit dem Ergebnis, dass `Hannibal's spies´ zunächst wesentlich effizienter gearbeitet hatten als die entsprechenden Personen, die im gleichen Zeitraum für die Römer tätig gewesen waren.
Vergleiche Rose Mary Sheldon, Intelligence Activities in Ancient Rome. Trust the Gods, but Verify (New York, NY: Frank Cass 2005, Kapitel: "3. Hannibal's spies", pp. 41-67; siehe dazu auch unten, zu Punkt 10.).
Dass dieser Kulttransfer der Kybele nach Rom 205 oder 204 v. Chr. stattfand, ist in der Forschung unbestritten, doch einige Details, die in den diesbezüglichen antiken Schriftquellen mitgeteilt werden (siehe oben, zu Punkt 7.)), sind tatsächlich nicht wahr.
Die einzigen zusätzlichen Beiträge, die ich selbst zur Bestätigung des Urteils beisteuern kann, dass Teile der schriftlichen Überlieferung zum Kulttransfer der Kybele nach Rom legendären Charakter haben, beziehungsweise, dass sie mit Sicherheit nicht den Tatsachen entsprechen können, betreffen Themen, die ich in meinen beiden hier diskutierten Texten (Häuber 2026a und Häuber 2026b) und in diesem dazugehörigen Update angesprochen habe - hinzu kommt eine wichtige Beobachtung von Jan N. Bremmer (2020), auf die mich Franz Xaver Schütz hingewiesen hat (siehe dazu unten).
Meine eigenen Beobachtungen betreffen :
a) die Reise(n) dieser römischen Gesandtschaft(en)
Diese Reisen werden, wenn man die hier publizierte Karte von Franz Xaver Schütz: "Mit Kybele von Pessinus nach Rom - eine topographische Übersichtskarte" (2026) zu Rate zieht, leichter rekonstruierbar; in den antiken Quellen werden diese Reiserouten unterschiedlich dargestellt;
b) den Typ der fünf Kriegsschiffe, mit denen die römische Gesandtschaft aufgebrochen war, um das Kultbild der Kybele von Pessinus nach Rom zu holen:
Livius (29.11.3-5) bezeichnet diesen Kriegsschifftyp als quinqueremis;
das Kybeleschiff, das auf dem `Altar der Mater Deum und der Navisalvia´ dargestellt ist (siehe dazu oben, Punkt 7.)) ist aber, wie Olaf Höckmann (1997) festgestellt hat, ein `liburnisches´ Kriegsschiff;
Ovids (fast. 4.273ff.) Beschreibung des Kybeleschiffs, mit dem ihr Kultbild nach Rom transportiert worden ist, enthält dagegen folgende Behauptungen: Dieses Schiff sei aus den Kiefern vom Berg Ida bei Troia angefertigt worden, aus denen bereits die Flotte des Aeneas gezimmert worden sei (Vergil, Aeneis 3,5-6,10-14; 9, 77-106, fügt dem hinzu, dass diese Kiefern der Göttin Kybele vom Berg Ida heilig gewesen seien).
Ausserdem behauptet Ovid, dass es sich bei dem auf diesem Schiff nach Rom transportierten Kultbild der Kybele um dasjenige aus ihrem Heiligtum auf dem Berg Ida gehandelt habe (!).
Vergleiche OCD3 (1996), p. 1290, s.v. quinquereme (Philip de Souza); sowie OCD5, s.v. quinquereme, Philip de Souza,
<https://doi.org/10.1093/acrefore/9780199381135.013.5485>. Published online: 07 March 2016.
Franz Xaver Schütz weist mich auf eine Erkenntnis von Jan N. Bremmer hin (2020, p. 23 mit Anm. 102): "... support Varro’s notice that the goddess came from Pessinous via Pergamum [mit Anm. 102], and not straight from Pessinous [Hervorhebung von mir]".
Bremmer folgt Varro (LL 6.15), der dagegen behauptet hat, dass das Kultbild der Kybele von Pessinus über Pergamon (also, offensichtlich von Pessinus nach Pergamon auf dem Landwege) nach Rom gereist sei.
Vergleiche Jan N. Bremmer ("Kubaba, Kybele and Mater Magna: The long March of two Anatolian Goddesses to Rome", 2020).
Wie wir später feststellen sollten, ist diese Erkenntnis aber keineswegs neu: Franz Xaver Schütz hat mich nämlich auch auf folgenden Artikel hingewiesen : "Cybele. C. Rome I. Introduction to Rome", in: DNP [Brill's New Pauly] 3, 2003, Sp. 1037, A. Sarolta Tacacs [nota bene: die Autorin heißt statt dessen S.A. Takács !]): "The idea most commonly represented in scholarship is that the sacred stone of Pessinus came to Rome by a circuitous route via Pergamum in 205/4 BC (Liv. 29,11 and 14; 36,36,3f. [die letzteren Zahlen bezeichnen Publikationen in ihrer Bibliographie])".
Schließlich habe ich erst jetzt bemerkt, dass nícht nur auch Mary Beard et al. (1998) dieser Meinung gewesen sind, sondern sogar schon Konrat Ziegler (1979).
Im Text "Mater Magna" (Häuber 2026b, Anm. 1) haben wir Folgendes erfahren:
``Beard et al. [1998] II, p. 44, schreiben, dass das Kultbild der Kybele "from her shrine at Pessinus (in Phrygia) in 204 B.C." nach Rom überführt worden sei ... [Hervorhebung von mir]´´. Vergleiche aber auch Beard et al. (1998 I, pp. 96-97, mit Anm. 89):
"This cult [der Mater Magna] was originally brought over with every sign of Roman enthusiasm and commitment. It was invited on the suggestion of the Sibylline books; Delphi was consulted, the goddess's symbol, a black stone, was shipped over from Pergamum and greeted by an appropriate miracle [siehe dazu oben, zu Punkt 7.), Hervorhebung von mir] ... [Seite 97; mit Anm. 89]".
Siehe Konrat Ziegler (1884-1974; vergleiche "Mater Magna", in: KlPauly 3, Sp. 1074): "Mater Magna ... niemals Magna Mater ... ist der Name, unter dem der Kult der altanatol.[ischen] Muttergöttin Kybele auf Weisung der sibyllin.[ischen] Bücher mit Hilfe des befreundeten Königs Attalos I ... im Jahre 205/04 von Pergamon eingeführt, der aus Pessinus stammende, die Göttin darstellende schwarze Meteoritenstein nach Rom gebracht ... wurde ... [Hervorhebung von mir]". Auch Erich S. Gruen (1990, pp. 16-18, mit Anm. 53, 62) hat Varro (LL 6,15) diskutiert, worauf ich unten zurückkommen werde; sowie -
c) die Angaben, wer, wann und wo den Römern das Kultbild der Kybele überreicht haben soll.
Wie wir im Folgenden sehen werden, hängen die unter a), b) und c) genannten Themen natürlich sehr eng zusammen.
Ad a). Die Reise(n) der römischen Gesandtschaft(en), die 205 oder 204 v. Chr. den Kulttransfer der Kybele von Pessinus nach Rom bewerkstelligt haben.
Vergleiche hierzu den Beitrag von Franz Xaver Schütz: "Mit Kybele von Pessinus nach Rom - eine topographische Übersichtskarte" (2026)
Die hier veröffentlichte Karte von Franz Xaver Schütz ist masshaltig, weshalb wir auf ihr Entfernungen abmessen können. Für unsere Diskussion der antiken Berichte über diesen Kulttransfer sind folgende Entfernungen von Interesse:
Rom - Pessinus, in Luftlinie gemessen: circa 1640 km.
Pergamon - Pessinus, in Luftlinie gemessen: circa 380 km.
Pergamon - Mittelmeer - Hellespontos (Dardanellen) - Marmarameer - Bosporos - Schwarzes Meer - der Fluss Sangarios (heute, mit verändertem Verlauf, der Fluss Sakarya), der ins Schwarze Meer mündet - sein Nebenfluss, der "seasonal river" namens Gallos (auf dessen Ostufer, auf einer Anhöhe, die archaische Stadt Pessinus mit dem Kybeletempel erbaut worden war) - Pessinus: - circa 1025 km.
Dass der Fluss Gallos lediglich ein "seasonal river" ist, erfahren wir von den belgischen Ausgräbern, die viele Jahre in Pessinus tätig gewesen sind: John Devreker, Hugo Thoen und Frank Vermeulen ("The Imperial Sanctuary at Pessinus and its Predecessors: A Revision", 1995, p. 131).
Ich spreche hier von "Reise(n)" der römischen Gesandtschaft, und das aus folgendem Grund: Es scheint mir plausibel anzunehmen, dass der römische Senat, nach Konsultierung der Sibyllinischen Bücher, zunächst einmal eine Gesandtschaft nach Delphi geschickt hat, um den Rat der Pythia (des Apollon) einzuholen, der dann im Senat diskutiert worden ist, ehe die zweite Reise der Gesandtschaft mit den fünf Kriegsschiffen begann. Denn erst die Pythia (Apollon) sollte ja auf die unverzichtbare Rolle von König Attalos I. bei dieser Mission hinweisen.
Wie wir unten, in Ad b) hören werden, schrieb Livius (29.11.3-5), dass für die Mitglieder dieser römischen Gesandtschaft `fünf quinqueremes bestimmt [wurden], damit sie entsprechend der Würde des römischen Volkes in diesen Ländern auftreten und dort dem römischen Namen Achtung verschaffen sollten´.
Wir erfahren von Livius (29.11.5-8) ausserdem, dass sich König Attalos I., als eine Folge des Besuchs der römischen Gesandtschaft bei ihm in Pergamon, zusammen mit den Römern (und sicher auch mit eigenem Gefolge), von Pergamon nach Pessinus begeben hatte.
Dabei hört sich dieser Bericht des Livius (29.11.5-8) so an, als hätten sich alle Beteiligten dieser Unternehmung auf dem Landwege von Pergamon nach Pessinus begeben, und dass Pergamon nicht sehr weit von Pessinus entfernt gewesen sein kann. Im Übrigen zeigt ja jede beliebige Karte, und auch die von Franz Xaver Schütz, dass Pessinus, von Pergamon aus, nicht auf einem Fluss erreicht werden konnte.
Der Annahme, dass sich die römische Gesandtschaft, zusammen mit König Attalos, von Pergamon nach Pessinus womöglich auf dem Landwege begeben haben könnte, um dort das Kultbild der Kybele abzuholen, widerspricht aber - auf den ersten Blick - der Bericht des Livius, der mitteilt, dass das Kultbild der Kybele aus Pessinus mit einem Schiff nach Rom gebracht worden sei: Livius teilt mit, dass das Kultbild der Kybele auf einem Schiff nach Ostia transportiert worden ist (siehe dazu im Folgenden); vergleiche auch die Darstellung des Kybeleschiffs während seiner Reise auf dem Tiber auf dem `Altar der Mater Deum und der Navisalvia´ (siehe oben, zu Punkt 7.)).
Der oben erwähnte Eindruck, den Livius (29.11.5-8) auf mich gemacht hat, nämlich, dass die römische Gesandtschaft, zusammen mit König Attalos, von Pergamon aus, auf dem Landwege nach Pessinus gereist sei, scheint aber durchaus zutreffend zu sein. Denn Franz Xaver Schütz hat mich, wie erwähnt, auf die Forschungsergebnisse von Jan N. Bremmer (2020, p. 23 mit Anm. 102) hingewiesen:
Bremmer folgt der Nachricht von Varro (LL 6.15), die ich bislang übersehen hatte, dass das Kultbild der Kybele von Pessinus über Pergamon nach Rom gereist sei (!), so auch Sarolta A. Tacács (2003, Sp. 1037), Mary Beard et al. (1998 I, pp. 96-97, mit Anm. 89), sowie Konrat Ziegler ("Mater Magna", in: KlPauly 3, Sp. 1074). Darauf werde ich unten, in Punkt 10.), noch einmal zurückkommen.
Wie schon im Text "Mater Magna" (Häuber 2026b, mit Anm. 16) mitgeteilt:
``Livius (29.14.10) fährt fort: "P. Cornelius [Scipio Nasica] wurde aufgefordert, mit allen Matronen nach Ostia der Göttin entgegenzuziehen, um sie von dem Schiff in Empfang zu nehmen, an Land zu bringen und den Frauen zu übergeben, die sie dann weitertragen sollten ...". P. Cornelius empfing auch richtig die Göttin aus den Händen ihrer Priester, trug sie an Land und "die vornehmen Frauen der Bürgerschaft, von denen allein der Name der Claudia Quinta bekannt ist, übernahmen sie [Hervorhebung von mir]´´.
Dieser Nachricht des Livius (29.14.10) widerspricht die hier vorgetragene Annahme nicht, dass dieses Schiff, auf dem das aus Pessinus stammende Kultbild der Kybele bis nach Ostia transportiert worden war, von Rom aus nur bis zu einem Hafen in der Nähe der Stadt Pergamon, und von dort wieder zurückfuhr; wobei sich dann, von Pergamon aus, die Reise der römischen Gesandtschaft nach Pessinus, zusammen mit König Attalos, auf dem Landwege - und von Pessinus wieder zurück nach Pergamon - angeschlossen hätte.
Der Gallos ist ein "seasonal river", der durch die Stadt Pessinus floss; vergleiche Devreker, Thoen und Vermeulen (1995, p. 126, Fig. 1 [diese Karte bilden wir unten ab]). Die Forschungen von Franz Xaver Schütz für seinem Beitrag: "Mit Kybele von Pessinus nach Rom - eine topographische Übersichtskarte" (2026), haben bestätigt, dass der Gallos nach wie vor ein Nebenfluss des grösseren Flusses Sangarios ist, der ins Schwarze Meer mündet. Vergleiche zum Folgenden die hier publizierte Karte von Franz Xaver Schütz:
Wäre es demnach vorstellbar, dass sich die römische Gesandtschaft, nach ihrem Besuch bei ihm, zusammen mit König Attalos I. (und dessen Gefolge), von Pergamon zum nächsten Hafen im Mittelmeer begeben hatte, wo die Schiffe der Gesandtschaft auf sie warteten, hätte dort ihre fünf quinqueremes bestiegen, und mit diesen über den Hellespontos (die Dardanellen), das Marmarameer, den Bosporos, das Schwarze Meer, den dort mündenden Fluss Sangarios, und dessen Nebenfluss namens Gallos, schließlich Pessinus erreicht ? Wir wissen es nicht.
Da der Gallos aber nur ein sehr kleiner Fluss, und obendrein ein "seasonal river" ist, wissen wir nicht, ob auf ihm überhaupt Schiffe der Größe von quinqueremes hätten fahren können (siehe dazu unten).
Wir müssen uns natürlich auch fragen, ob wir dem Zeugnis der Livius folgen wollen oder lieber dem des Varro.
Oder anders ausgedrückt: Hat die römische Gesandtschaft das aus Pessinus stammende Kultbild der Göttin Kybele bereits in Pessinus aus den Händen des Königs Attalos erhalten (so Livius 29.10.4-11.8), oder erst in Pergamon? (so Varro, LL 6.15).
Abweichend von Jan Bremmers (2020, p. 23, mit Anm. 102) oben zitiertem Kommentar sagt Varro (LL 6.15) aber nicht, dass dieses Kultbild der Göttin ursprünglich aus Pessinus stammte (darauf werde ich später zurückkommen).
Eines ist allerdings jetzt schon klar: Die Rekonstruktion der Reiseroute des Kultbildes der Kybele aus Pessinus über Pergamon nach Rom durch Varro (ling. 6,15), und ihm folgend, Jan Bremmer (2020, p. 23, mit Anm. 102), Sarolta A. Tacács (2003, Sp. 1037), Mary Beard et al. (1998 I, pp. 96-97, mit Anm. 89), sowie Konrat Ziegler ("Mater Magna", in: KlPauly 3, Sp. 1074), ist gegenüber meiner oben vorgeschlagenen Hypothese vorzuziehen, dass die römischen Gesandten so weit als möglich auf ihren Kriegsschiffen in Richtung Pessinus gereist seien.
Was bedeutet das alles für meine Interpretation von Fragment a des Berliner Reliefs (hier Abb. 1; Taf. 53, 1.2) in meinem Text (Häuber 1998, S. 685 mit Anm. 54)? Ein Blick auf die beiden hier abgebildeten Karten von Pessinus und ihre Bildunterschriften kann uns helfen, meine hier folgende Argumentation zu verstehen.
Karte von Pessinus. Aus: J. Devreker, H. Thoen und F. Vermeulen (1995, p. 126, Fig. 1, Detail): "General plan of the archaeological unities in Pessinus". Auf dieser Karte erkennt man die prominente Lage des spätaugusteischen Theatertempelkomplexes, des Sebasteions, auf dem rechten (östlichen) Ufer, und hoch über dem Fluss Gallos, der ursprünglich von Süden nach Nordosten durch die Stadt Pessinus floss. Die Autoren zeigen innerhalb des Stadtgebietes von Pessinus nicht den Fluss Gallos, sondern die Tatsache, dass der Fluss in augusteischer Zeit unterhalb des archaischen Stadtgebietes von Pessinus kanalisiert worden war, um an seiner Stelle eine Prachtstraße zu errichten (oder, wie A. Verlinde 2015, p. 33, schreibt, einen cardo maximus). Vergleiche die Beschriftung: "ROMAN CANALISATION AND MAIN STREET"; an diese kanalisierte Strecke im Norden anschließend ist der Fluss "GALLOS" eingezeichnet. Nach J. Devreker, H. Thoen und F. Vermeulen (1995, pp. 131, 134, 135) hatte sich auch die archaische Stadt Pessinus mit dem Tempel der Kybele auf dem rechten (östlichen) Ufer des Flusses Gallos befunden, dort, wo auf ... der Karte in "SECTOR B" der Ausgrabungen, in spätaugusteischer Zeit, auf A. Verlindes (2015, pp. 31, 56, 72) "promontory", der "ROMAN TEMPLE COMPLEX" (der Theatertempelkomplex, das Sebasteion), entstand. Unmittelbar südwestlich von "SECTOR B" befindet sich "SECTOR H".
Karte von Pessinus. Zum Vergleich bilde ich hier auch die von A. Verlinde (2015, p. 34, Fig. 4, pp. 41-42, mit Anm. 45) publizierte Karte ab: "Fig. 4. Valley of Ballıhisar overlaid with Texier's structures", und zwar deshalb, weil auf ihr auch der Fluss Gallos eingezeichnet ist. Auf dem rechtem Ufer des Gallos, auf A. Verlindes (2015, pp. 31, 56, 72) "promontory", erscheint an der Stelle des spätaugusteischen Theatertempelkomplexes, dem Sebasteion, "Texier's Temple of the Mother of the Gods". Vergleiche für die originale Karte von Texier: A. Verlinde (2015, p. 42, "Fig. 6. Very hypothetical plan of the ruins drawn by Charles Texier during his visit of Ballıhisar in 1834").
Wir wissen ja, dank der Erkenntnisse der belgischen Ausgräber; vergleiche Devreker, Thoen und Vermeulen (1995, p. 126, Fig. 1, ihre Karte von Pessinus, die wir hier abbilden), dass der Fluss Gallos von Süden nach Nordosten durch Pessinus floss, und dass dieses Flusstal unterhalb der Anhöhe mit der archaischen Stadt Pessinus und dem Kybeletempel, die auf dem Ostufer des Gallos erbaut worden waren (siehe dazu jetzt auch unten, Punkt 10.)), sehr eng gewesen ist; und weil hier keine antike Brücke gefunden wurde, dienten die auf Fragment a sichtbaren Flussboote offenbar dazu, die mitgenommenen Passagiere auf das Westufer des Flusses Gallos überzusetzen. Vergleiche für diese topographische Besonderheit der archaischen Stadt Pessinus jetzt auch Angelo Verlinde (2015, pp. 31-33, Fig. 4, mit Anm. 5, unten, in Punkt 10.) wörtlich zitiert).
Es ist sicher vernünftig anzunehmen, dass die auf Fragment a sichtbaren Flussboote (hier Abb. 1; Taf. 53, 1.2)) dazu dienten, die dargestellten Passagiere bis zur nächsten Strasse auf dem Westufer des Gallos zu rudern, auf der sie dann zum Beispiel nach Pergamon hätten weiterreisen können. Theoretisch ist auch vorstellbar, dass die auf Fragment a (hier Abb. 1; Taf. 53) abgebildeten Flussboote mit ihren Passagieren auf dem Gallos bis zu dessen Mündung in den Fluss Sangarios gefahren sind - weil dort wahrscheinlich eine grosse Strasse mündete.
Apropos Strassen: Auf das sehr interessante Thema, welche Strassen es zu dieser Zeit gegeben hat, auf denen man von Pergamon nach Pessinus und wieder zurück reisen konnte, kann ich in diesem Zusammenhang leider nicht eingehen.
Das habe ich im März 2026 mit Peter Herz diskutiert, der mir freundlicherweise am 5. März 2026 sein folgendes, in Arbeit befindliches Manuskript geschickt hat: "Philopappus und Kaiser Trajan. Ökonomische Aspekte der trajanischen Orientpolitik".
Wie ich nochmals am 5. Juli 2026 mit Peter Herz telefonisch besprochen habe, diskutiert er in diesem Manuskript die Königsstrassen des altpersischen Reiches der Achaimeniden, die man unter den gleichen Bedingungen auch noch unter römischer Herrschaft benutzen konnte (was bedeutet, dass man sie offenbar bis zu diesem Zeitpunkt sicher sehr kostenintensiv in Stand gehalten hatte), und für die ein breites Spektrum von entsprechenden Dienstleistungen für die Reisenden auf dieser Strecke bereitgestellt wurde, die diese Strassen "im amtlichen Auftrag" benutzen durften, wie Herz schreibt.
Mit der freundlichen Genehmigung von Peter Herz, zitiere ich im Folgenden die entsprechende Textpassage aus seinem Manuskript ("Philopappus und Kaiser Trajan. Ökonomische Aspekte der trajanischen Orientpolitik") :
"Unser Problem bei der Organisation des altpersischen Straßensystems ist offensichtlich, dass man sich in der Regel auf die großen Strukturen und deren Untersuchung konzentriert hat und dabei die Frage der praktischen Umsetzung nicht weiter berücksichtigte. Dies bedeutet, man hat die Fragen des Alltagsbetriebes und seine praktische Umsetzung vor Ort weitgehend ausgeblendet.
Ich möchte daher an dieser Stelle ansetzen, indem ich zunächst nach der Aufgabenstellung des persischen Straßensystems frage. Das von den achaimenidischen Großkönigen eingerichtete Post- bzw. Straßensystem sollte (a) die möglichst schnelle Übermittlung von amtlichen Nachrichten zwischen den einzelnen Metropolen des Reiches gewährleisten.
Daneben sollte man aber (b) auf keinen Fall die zusätzliche Rolle unterschätzen, die dieses System für die privilegierten Personen zu spielen hatte, die die Straße und die dort vorhandenen Installationen im amtlichen Auftrage benutzen durften. Diese Personen hatten einen rechtlichen Anspruch auf angemessene und regelmäßige Unterkunft und Verpflegung für sich, ihre Untergebenen und auch die von ihnen während ihrer Reise genutzten Tiere. [Mit Anm. 83]
Daraus kann man jetzt einen gewissen Katalog an Anforderungen entwickeln, die von den in dieses System eingebundenen Ortschaften wahrscheinlich übernommen werden mussten.
Sie waren wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass zunächst in dem ihnen zugeteilten Straßenabschnitt die notwendigen Baulichkeiten errichtet und anschließend auch unterhalten wurden, an denen die amtlichen Boten sowohl ihre Pferde wechseln konnten als auch Unterkunft und Verpflegung vorfinden konnten. [Mit Anm. 84] Sie waren sicherlich auch mit der Verpflichtung belastet, dass in den Lagern dieser Wechselstationen jederzeit ausreichende Bestände an Grundnahrungsmitteln vorhanden waren, um die im amtlichen Auftrag reisenden Personen angemessen versorgen zu können. Dabei ist noch nicht deutlich geworden, ob sich diese Verpflichtung lediglich auf den Routinebetrieb und seine Aufrechterhaltung bezieht oder wie man sich verhielt, wenn plötzlich außergewöhnlich große Gruppen an amtlichen Reisenden erschienen und versorgt werden mussten [Hervorhebung von mir]".
Falls demnach die uns hier interessierende römische Gesandtschaft, zusammen mit König Attalos I. und seinem Gefolge, auf ihrer Reise von Pergamon nach Pessinus und von Pessinus wieder zurück nach Pergamon, das Serviceangebot einer solchen altpersischen Königsstrasse hätte benutzen dürfen, wäre diese Reise womöglich ein sehr schönes Erlebnis gewesen - aber leider wissen wir das alles nicht.
Die auf Fragment a und Fragment b (Abb. 1; Taf. 53; 54) dargestellten Personen - ausser den beiden Römern - haben meiner Meinung nach zum sehr zahlreichen männlichen und weiblichen Kultpersonal der Göttin Kybele gehört, die die Göttin nach Rom begleitet haben; vergleiche hierzu "Mater Magna" (Häuber 2026b, Anm. 16; sowie oben, zu Punkt 7.)).
Hinzu kamen die beiden auf Fragment b dargestellten Römer (sowie die weiteren Mitglieder dieser römischen Gesandtschaft; hier Abb. 1; Taf. 54; vergleiche meinen Text (Häuber 1998, S. 679 mit Anm. 14), sowie König Attalos I. und sein Gefolge.
Wenn alle diese Personen von den auf Fragment a sichtbaren Booten (zu denen ja ursprünglich noch mehr Boote gehört haben können) auf dem Fluss Gallos bis zum Sangarios gerudert worden wären, hätten sie an dieser Stelle aussteigen, und auf der hier (wahrscheinlich) befindlichen grossen Strasse auf dem Landwege nach Pergamon reisen können.
Alternativ besteht aber vielleicht auch die Möglichkeit, dass die fünf quinqueremes der römischen Gesandtschaft (zusammen mit König Attalos I. und seinem Gefolge) auf der Hinreise auf dem Sangarios bis hierhin, zur Mündung des Gallos in den Sangarios, gerudert waren, und auf dem Sangarios geankert hatten; und dass diese Gesandtschaft nun, nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Mission in Pessinus, auf ihren quinqueremes, zusammen mit dem Kultpersonal der Kybele, sowie dem Kultbild der Kybele, das die Römer (laut Livius 29.10.4-11.8; vergleiche Häuber 1998, S. 685, Anm. 52) ja bereits in Pessinus aus den Händen von König Attalos I. erhalten hatten, die Heimreise nach Rom angetreten hat.
Wahrscheinlich ist mein hier soeben formulierter Vorschlag jedoch nicht - es handelte sich ja schliesslich nicht um eine Vergnügungsreise.
Ganz im Gegenteil, der römische Senat, der diese Mission beschlossen hatte, musste ja das grösste Interesse daran haben, dass die Mitglieder dieser Gesandtschaft, sobald als möglich, das Kultbild der Kybele nach Rom brachten, damit die Voraussetzung dafür erfüllt wäre, dass die Römer die Karthager besiegen könnten; vergleiche hierzu "Mater Magna" (Häuber 2026b, mit Anm. 4), zu Livius (29.10.4; 205 v. Chr.), oder anders gesagt: Die (vielleicht wenig längere Reise) als circa 380 km auf dem Landwege von Pergamon nach Pessinus war sicher sehr viel schneller zu bewältigen als die circa 1025 km lange Schiffsreise von Pergamon über das Mittelmeer, den Hellespontos (die Dardanellen), das Marmarameer, das Schwarze Meer und die beiden Flüsse Sangarios und Gallos, nach Pessinus - und wieder zurück (!).
Ausserdem werden wir gleich sehen, dass gar nicht bekannt ist, ob Pessinus in der Antike überhaupt auf Schiffen erreicht werden konnte (!).
Vergleiche Frank Vermeulen, "Geoarchaeology and the classical landscape of central Anatolia: New methods of investigation in field survey", 1999, pp. 438-441).
Am 6. Mai 1999 schrieb mir Frank Vermeulen als Reaktion auf meinen Text (1998):
"Dear Dr. Häuber,
... Thanks for sending me the offprint of your article. The hypothesis you have developed in this paper seems very plausible for me. There is however still debate about the possibilities of reaching Pessinus by ship in Antiquity.
The river Gallos, which ran through the ancient town was and is only an ephemeral (seasonal) stream with great irregular floods in certain seasons ...
The river Sangarios (today Sakarya) flows at a distance of some 8 km from the ancient town centre. Geomorphological work is needed to elaborate whether ships could have reached so deep inland ...
Best regards,
Frank Vermeulen.
Bis wohin, vom Schwarzen Meer aus, der Fluss Sangarios in der Antike schiffbar war, wissen wir auch heute noch nicht, und ich kann in diesem Zusammenhang diese Frage nicht klären. Die hier konsultierten Gelehrten, die sich mit dem Kulttransfer der Göttin Kybele im Jahre 205/204 v. Chr. von Pessinus nach Rom beschäftigt haben, hat weder das interessiert, noch die Frage, was mit den Mannschaften der fünf Kriegsschiffe vom Typ quinqueremis geschehen ist, wenn die Mitglieder der römischen Gesandtschaft diese Schiffe verlassen haben, um das Kultbild der Kybele aus ihrem Heiligtum abzuholen.
Wie oben gesagt, könnten diese fünf quinqueremes zum Beispiel in einem Hafen im Mittelmeer in der Nähe von Pergamon geankert haben. Dann nämlich, wenn wir glauben, dass die römische Gesandtschaft, zusammen mit König Attalos I. von Pergamon, von Pergamon aus auf dem Landwege nach Pessinus gereist ist, und von dort wieder zurück nach Pergamon.
Niemand konnte ja wissen, wann diese römischen Gesandten, nach Erfüllung ihrer Mission, zu ihren quinqueremes zurückkehren würden. Nach Polybios (1.26.7) bestand die Besatzung einer Quinquereme aus 420 Mann (300 Ruderer und 120 Soldaten); er erwähnt diese Zahl im Zusammenhang einer Seeschlacht des Jahres 256 v. Chr. im Ersten Punischen Krieg.
Im Fall unserer fünf Kriegsschiffe dieses Typs waren demnach immerhin maximal 2.100 Mann Besatzung zu versorgen (!).
Ad b). Wir erfahren von Livius (29.11.3-5), dass die römische Gesandtschaft, die das Kultbild der Kybele aus Pessinus nach Rom bringen sollte, mit fünf Kriegsschiffen vom Typ quinqueremis ausgestattet worden war. Es gibt aber auch abweichende Informationen
Siehe im Text "Mater Magna" (Häuber 2026b, mit Anm. 6):
``Livius nennt auch die Mitglieder der Mission (29.11.3-5) ... Für diese wurden fünf quinqueremes bestimmt, damit sie entsprechend der Würde des römischen Volkes in diesen Ländern auftreten und dort dem römischen Namen Achtung verschaffen sollten´´ (Hervorhebung von mir).
Wir haben aber bereits im Text ("Mater Magna", (Häuber 2026b, mit Anm. 21) von Olaf Höckmanns (1997) Erkenntnis gehört, dass das Kybeleschiff auf dem `Altar der Mater Deum und der Navisalvia´ (siehe oben, in Punkt 7.), mit Abbildungen dieses Altars) dem `liburnischen´ Kriegsschifftyp angehörte: Wie Höckmann (1997, pp. 192-193, mit Fig. 1.1) feststellen konnte, ist dieser Schiffstyp seit dem 5. Jh. v. Chr. auf Darstellungen belegt. Besonders beliebt wurde er, seit sich Octavian/ Augustus für diesen Kriegsschifftyp entschieden hatte, und deshalb am 2. September 31 v. Chr. die Seeschlacht bei Actium gegen Marcus Antonius und Kleopatra VII. gewann (p. 192). Höckmann schrieb (1997, p. 194 mit Anm. 14-16, mit Abbildung des Altars als Fig. 2.1), dass unbekannt sei, ob das Kybeleschiff auf dem `Altar der Mater Deum und der Navisalvia´ eine getreue Wiedergabe eines Schiffs dieses Typs aus der Zeit des Kulttransfers der Kybele (205 oder 204 v. C) nach Rom darstelle, oder statt dessen ein zeitgenössisches Schiff dieses Typs des 1. Jhs. n. Chr. (als dieser Altar entstand); in letzterem Fall könne man damit rechnen, dass die Schiffe der Flotte von Octavian/ Augustus der Schlacht von Actium so ausgesehen hätten.
Wir haben in meinem Text (Häuber 1998, S. 678, mit Anm. 4) ausserdem erfahren, dass Olaf Höckmann so freundlich gewesen war, für mich die Schiffe auf dem Fragment a des Berliner Reliefs (hier Abb. 1 und Taf. 53, 1) zu analysieren: Es handelt sich keineswegs um Darstellungen historischer Fahrzeuge, die zur Zeit des Kulttransfers der Kybele in Gebrauch gewesen waren, wie man vielleicht mutmassen könnte, sondern statt dessen um Flussboote, die ins 1. Jh. n. Chr. datierbar sind.
Ich kann mir deshalb vorstellen, dass der Künstler des `Altars der Mater Deum und der Navisalvia´ (siehe oben, zu Punkt 7.)) bezüglich der Darstellung seines Kybeleschiffs ebensowenig eine `korrekte historische Rekonstruktion´ des Kulttransfers der Kybele angestrebt hatte; dieser Künstler hat es ja auch vorgezogen, eine Statue der thronenden Göttin Kybele auf ihrem Schiff wiederzugeben (in der Ikonographie, wie die Römer üblicherweise die Mater Magna dargestellt haben), anstatt, wie es in den Quellen dieses Kulttransfers heißt, ihr anikonisches Kultbild (einen schwarzen Stein), das von Pessinus nach Rom transportiert worden ist.
Oder anders ausgedrückt: Ich halte es für möglich, dass nicht nur der Künstler des Berliner Reliefs (hier Abb. 1; Taf. 53, 1) Flussboote seiner eigenen Zeit wiedergegeben hat, sondern auch der Künstler des `Altars der Mater Deum und der Navisalvia´ (siehe oben, zu Punkt 7.)) ein zeitgenössisches Kriegsschiff. Falls das so war, dann können wir natürlich nicht wissen, ob das womöglich damit zusammenhing, dass beide Künstler Darstellungen dieses Kulttransfers im Theater gesehen hatten (siehe dazu oben, zu Punkt 7.).
Wir haben im Text ("Mater Magna" (Häuber 2026b, Anm. 20) aber auch Folgendes erfahren:
``Das heilige Schiff der Kybele, das ... [auf dem `Altar der Mater Deum und der Navisalvia´; siehe oben, zu Punkt 7.) in diesem Update] als Navis Salvia bezeichnet wird, und dem, gemeinsam mit Kybele, der Altar geweiht war, bestand laut Ovid (fast. 4.273ff.) aus den Kiefern des Ida bei Troia, die bereits zum Bau der Flotte des Aeneas gedient hatten; vergleiche hierzu auch Vergil (Aeneis 3,5-6.10-14; 9,77-106), der hinzufügt, dass diese Kiefern des Berges Ida der Göttin Kybele vom Berg Ida heilig gewesen seien´´.
Dabei sagt Ovid (fast. 4.273ff.) ausdrücklich, dass das Kultbild der Kybele vom Berg Ida, mit dem eigenen Schiff der Kybele, das aus den Kiefern des Ida gezimmert worden war, nach Rom gereist sei.
Sollte auf dem `Altar der Mater Deum und der Navisalvia´ dieses eigene Schiff der Kybele (falls denn Ovid fast. 4.273ff. richtig informiert war) korrekt wiedergegeben worden sein, müssen wir uns natürlich auch fragen, warum die Priester der Kybele dieses Schiff ihrer Göttin ausgerechnet als ein `liburnisches´ Kriegsschiff in Auftrag gegeben hatten - eine Annahme, die mir aber sehr unwahrscheinlich vorkommt.
Apropos, Ovids (fast. 4.273ff.) Behauptung, dass das Schiff der Kybele aus den der Göttin heiligen Kiefern vom Berg Ida bei Troia gezimmert worden war.
Brunilde Sismondo Ridgway hatte mich in einer Email vom 24. März 1999 auf die diesbezüglichen Forschungen von Erich S. Gruen hingewiesen:
"... Erich Gruen ... is convinced that the ``monolith´´ of the Magna Mater was transferred to Rome NOT from Pessinus, as generally said, but from Mt. [Mount] Ida, near Troy. He has expressed his opinion in STUDIES IN GREEK CULTURE AND ROMAN POLICY (Leiden 1990) 5-33 ... [Hervorhebung von mir]"; auf diese Hypothese werde ich im Folgenden eingehen und unten, in Punkt 10.), noch einmal zurückkommen.
Vergleiche auch hierzu den Beitrag von Franz Xaver Schütz "Mit Kybele von Pessinus nach Rom - eine topographische Übersichtskarte" (2026), mit seiner Detailkarte, auf der die griechische Stadt Ilion am Hellespontos (am Standort des homerischen Troia?; siehe dazu unten, zu Punkt 10.)), der Fluss Skamandros und der Berg Ida (in Wirklichkeit ein grosses Gebirge) eingetragen sind.
Am 29. März 1999 schrieb mir Bruni Ridgway, dass Gruen diese Hypothese in einer weiteren Publikation zu vertiefen gedächte.
Ich hatte Bruni Ridgway am 25. März 1999 geantwortet, dass ich von Gruens Buch (1990) bereits aus Mary Beard et al. (1998 I, p. 97, Anm. 89; II, p. 44) etwas wusste, doch da Gruens Publikation (1990) für mich damals nicht erreichbar gewesen sei, hätte ich Gruens Text, ohne ihn selbst konsultiert zu haben, nicht zitieren wollen. Inzwischen hätte ich Gruens "chapter" über die Mater Magna aber gelesen (als "chapters" hat Gruen diese fünf in seinem Buch 1990 veröffentlichten Texte in seinem "Preface" selbst bezeichnet).
Gruens Hypothese war darin begründet, dass zur Zeit, als er das Thema recherchierte, unbekannt war, warum in aller Welt König Attalos I. von Pergamon (wie von Livius 29.10.4-11.8 behauptet) irgend etwas über das Heiligtum der Kybele in Pessinus hätte bestimmen können. - Soweit mein Kenntnisstand von 1999 (der aber nicht den Tatsachen entsprach).
Auch Jörg Rüpke (2006, Abschnitt: "Religion der Führungsschicht", S. 34) ist dieser Auffassung:
"Der Konfliktbereich zwischen partikularen religiösen Aktivitäten und Gemeininteressen ist zugleich ein Bereich der Innovation. Das beginnt bei der Umstrukturierung oder Zurückdrängung alter Traditionen und setzt sich mit der Einführung neuer Kulte fort. Natürlich konnte der Senat, das Repräsentativorgan der Aristokratie, die Einführung eines neuen Kultes beschließen, des Heilgottes Asklepios als Aesculapius im Jahre 293 [v. Chr.] etwa oder der Mater magna, der Großen idäischen (vom kleinasiatischen Berg Ida stammenden) Mutter der Götter im Jahre 205 v. Chr. [Hervorhebung von mir; leider enthält dieses Buch von Rüpke keine Anmerkungen].
Ich habe Erich S. Gruens Text ("The Advent of the Magna Mater", 1990, pp. 5-33) jetzt noch einmal gelesen und zitiere im Folgenden nicht nur seine Überzeugung, dass König Attalos I. von Pergamon im Jahre 205 v. Chr. keinerlei Machtbefugnis über Pessinus besessen habe, sondern auch Gruens Bemerkungen zu den Äußerungen von Ovid und Livius und - wie oben angekündigt - auch von Varro, die sich auf den Kulttransfer der Mater Magna nach Rom beziehen.
Wie schon erwähnt, hat Ovid behauptet, dass das 205 oder 204 v. Chr. nach Rom gelangte Kultbild der Mater Magna aus dem Heiligtum der Kybele auf dem Berg Ida stammte; wohingegen nach dem Bericht des Livius das Kultbild der Mater Idaea aus Pessinus nach Rom transportiert worden sei. Siehe zu Ovid (fast. 4.247-348) und Livius (29.10.4-11.8; 14.6-12): "Mater Magna"(Häuber 2026b, mit Anm. 2, 3).
Vergleiche Gruen (1990, pp. 15-17, mit Anm. 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 59):
"The text of Ovid offers the most beguiling testimony. The poet directly connected the Mother Goddess, Mt. Ida and the legend of Aeneas bear - [Seite 16] ing the legacy of Troy to Italy. In this version, Rome's acquisition of the Magna Mater from Mt. Ida is set squarely in the context of reaffirming her Trojan heritage. [Mit Anm. 49] The association is repeated in a much later source, the Historian Herodian, who has Roman envoys secure the image of the goddess by proclaiming their descent from Aeneas. [Mit Anm. 50]
But no other ancient writer makes the connection. A puzzling fact, Livy's extended narrative has no hint of it. Indeed, he locates Cybele in Pessinus, whence she was procured for the Romans by Attalus of Pergamum, thus implicitly severing any geographic ties with the Troad. [Mit Anm. 51] That site finds favor in the large majority of our sources: the Magna Mater came from Pessinus in Galatia. [Mit Anm. 52] And still a third possibility gains support. The assiduous researcher Varro places the Mother Goddess in Pergamum itself, where Attalus handed her over to the Romans. [Mit Anm. 53: "Varro, LL, 6.15".] ...
The temple state of Pessinus was situated near the border between Galatia and Greater Phrygia - a very long distance from Pergamum. For Attalus to have obtained the stone from that locale required Pergamene influence in the region. Did the king's reach extend so far? [Mit Anm. 54] Our knowledge of Pergamene holdings during these years are woefully inadequate. [Mit Anm. 55] ... [page 17] ... Attalus, it appears, was in no position to exert pressure on Pessinus in 205. [Mit Anm. 59; Hervorhebung von mir]".
Gruen (1990, pp. 17-18) glaubt, einen Beweis dafür gefunden zu haben, dass die Behauptung, das Kultbild der Göttin Kybele sei 205/204 v. Chr. aus Pessinus nach Rom gereist, auf einem Irrtum beruhe; und zwar deshalb, weil ihr Kult in Pessinus nachweislich nach diesem Datum weiter Bestand hatte. Gruen glaubt statt dessen, dass es sich bei dem nach Rom gelangten Kultbild der Mater Magna um das aus dem Heiligtum der Kybele auf dem Berg Ida gehandelt haben müsse.
Attalos I. habe das Kultbild der Göttin Kybele vom Berg Ida nach Pergamon in den Tempel der Göttin namens Megalesion bringen lassen, um es dort den römischen Gesandten zu schenken.
Gruen (1990, pp. 17-18) schreibt unmittelbar anschliessend an die oben zitierte Textpassage:
"A subsequent event confirms the conclusion that Magna Mater did not come to Rome from Pessinus. When Roman forces under Cn. Manlius Vulso marched into the interior of Anatolia fifteen years later, the goddess still had her seat in Pessinus. Her priests hastened to greet Manlius and informed him that Cybele had forecast a great victory [darauf werde ich unten, in Punkt 10.), zurückkommen]. The texts offer no suggestion that there had been a prior association with Rome. [Mit Anm. 60] The Romans had made connection with a different shrine.
The voice of Varro is more authoritative. He located the goddess in Pergamum and had Roman envoys receive her directly from Attalus ...Varro traces the term Megalesia to the temple Megalesion in Pergamum, whence [page 18] the goddess came to Rome. [Mit Anm. 62] But the statement is entirely consistent with the stone's origin at Mt. Ida. Attalus transferred it to Pergamum, there to present it to the legates of Rome. [Hervorhebung von mir]".
In seiner Anm. 62, schreibt Gruen: "Varro, LL, 6.15: Megalesia dicta a Graecis, quod ex libris Sibyllinis arcessita ab Attalo rege Pergama, ibi prope murum Megalesion templum eius deae, unde advecta Romam ...".
Gruen (1990, p. 19) behauptet, dass es sogar Livius, der ja nicht berichtet habe, dass die Göttin Kybele vom Berg Ida nach Rom gekommen sei, `herausgerutscht´ ist, dass die Göttin, die nach Rom kam, bezeichnenderweise Mater Idaea hiess. Gruen (1990, 19) teilt aber nicht mit, dass genau das, wie Livius (29.10.4-11.8) ausdrücklich sagt, in der Weissagung der Sibyllinischen Bücher stand: Dieser Weissagung zufolge `sollten die Römer ja die Mater Idaea aus Pessinus nach Rom holen´ (!).
Aus seiner Perspektive verständlich, hält Gruen (1990, p. 19) folglich die entsprechende Textpassage des Livius (29.10.4-11.8) und die jener Mehrzahl der antiken Quellen, in denen statt dessen behauptet wird, das nach Rom gelangte Kultbild der Mater Magna sei aus Pessinus gekommen, für pure Erfindungen, die er sich mit der Prominenz des Heiligtums in Pessinus im späteren Hellenismus erklärt:
"Even Livy who does not place the episode in that context [das heisst: "the Trojan connection", wie Gruen im Folgenden schreibt], lets slip the true meaning that Cybele held for the Romans by her designation itself: she was Mater Idaea. The designation was official and unambiguous. Cybele in Rome carried the cult title mater deum magna Idaea. [Mit Anm. 70]
Why then did Livy and the bulk of the tradition ignore the Trojan connection and refer the events to Pessinus? A solution lies at hand. For Romans of the later Republic, the cult of Cybele at Pessinus was the principal functioning shrine of the goddess in Asia Minor".
Schliesslich kommentiert Gruen (1990, pp. 23-24) die Tatsache, dass die Römer auf Grund einer Weissagung der Sibyllinischen Bücher das Kultbild der Mater Magna nach Rom geholt hätten. Das erfahren wir, wie erwähnt, von Livius (29.10.4: 205 v. Chr.), der sogar die diesbezügliche Weissagung der Sibyllinischen Bücher wörtlich zitiert.
Vergleiche Frank Gardner Moores Übersetzung (1995) der von Livius (29.10.4) zitierten entsprechenden Weissagung der Sibyllinischen Bücher:
"... an oracle was found that, if ever a foreign foe should invade the land of Italy, he could be driven out of Italy and defeated if the Idaean Mother should be brought from Pessinus to Rome [Hervorhebung von mir]". Darauf werde ich unten, im Punkt 10.), zurückkommen.
Dagegen erwähnt Gruen (1990, pp. 23-24) in seinem Text mit keinem Wort, dass die Sibyllinischen Bücher in dieser Weissagung ausdrücklich sagen, dass die Römer die Mater Idaea aus Pessinus holen sollen :
"... when the Sibylline Books advised the transfer of the Great Mother to Rome ... [page 24] ... The Books produced an oracle which promised that if the mater Idaea were conveyed to Rome, the alien foe who brought war to Italian shores would be driven from Italy and conquered. [Mit Anm. 94]".
Aus Gruens unmittelbar daran anschliessendem Text (Gruen 1990, p. 24) gewinnt man, ebenso, wie aus seiner oben bereits erwähnten Textpassage (Gruen 1990, p. 19), folgenden Eindruck. Gruen ist der Überzeugung, dass es sich bei dieser `Weissagung der Sibyllinischen Bücher´, die Livius (29.10.4) wörtlich zitiert hat (wie Livius selbst sagt) - statt dessen um eine von Livius zum Teil selbst erfundene Textpassage handeln müsse (!). Und zwar deshalb, weil sich Gruen (1990), aus der Perspektive seines damaligen Kenntnisstandes über den Herrschaftsbereich von König Attalos I. von Pergamon, nicht vorzustellen vermochte, dass die Sibyllinischen Bücher tatsächlich dazu hätten raten können, `die Mater Idaea aus Pessinus nach Rom zu holen´.
Vergleiche im Folgenden aber die neuesten Erkenntnisse zur politischen Position von König Attalos I. von Pergamon in Bezug auf Pessinus im Jahre 205 v. Chr., die zeigen, dass Gruens (1990, p. 17) oben zitierte Beurteilung falsch war.
Als Argument gegen Gruens (1990, p. 17-18) diesbezügliche These (dass das 205/204 v. Chr. nach Rom gelangte Kultbild der Mater Magna statt dessen aus ihrem Heiligtum auf dem Berg Ida bei Troia stammen müsse) war mir bereits 1998 aufgefallen, was Mary Beard et al. (1998) geschrieben hatten (vergleiche "Mater Magna"; Häuber (2026b, Anm. 16):
``... siehe Beard et al. [1998] I, p. 261: Während der Republik kamen ihre in Rom tätigen Priester und Priesterinnen [das heißt, die der Mater Magna] aus Phrygien; [1998] II, p. 210: Zum zahlreichen männlichen und weiblichen Kultpersonal der Göttin [Hervorhebung von mir]´´. Vergleiche auch Dionysios von Halikarnassos (2.19.3-5) zu der Tatsache, dass die Priester und Priesterinnen der Kybele in Rom in augusteischer Zeit aus Phrygien kamen (wörtlich zitiert oben, in Punkt 8.)).
Heute, 27 Jahre später, kann ich dem noch etwas hinzufügen:
Inzwischen wissen wir ausserdem, dass der Herrschaftsbereich von König Attalos I. von Pergamon im Jahre 205 v. Chr. die Stadt Pessinus mit einschloss (siehe unten, zu Punkt 10.)).
Weshalb die Behauptung des Livius (29.10.4-11.8), die Mitglieder der römischen Gesandtschaft hätten in Pessinus das Kultbild der Kybele aus den Händen von König Attalos I. erhalten, durchaus der Wahrheit entsprochen haben kann.
Ad c). Die merkwürdige Tatsache, dass die Berichte über diesen Kulttransfer der Kybele von Pessinus nach Rom darin differieren, wer, wann und wo den Römern das Kultbild der Kybele überreicht haben soll
Wir haben in meinem Text (Häuber 1998, S. 685, mit Anm. 52) Folgendes gehört: Die römische Gesandtschaft erhielt bereits in Pessinus aus den Händen von König Attalos I. das Kultbild der Kybele (einen schwarzen Stein), so Livius (29.10.4-11.8). Im Text "Mater Magna" (Häuber 2026b, mit Anm. 16) wird dagegen erwähnt, dass die Priester der Kybele ihr Kultbild erst bei Ankunft der Gesandtschaft in Ostia dem P. Cornelius Scipio Nasica überreicht hätten, der ihnen zu diesem Zweck aus Rom entgegengekommen war; so Livius (29.14.10); siehe oben, Ad a).
Auch diesen wichtigen Unterschied dieser beiden Alternativen in den Schilderungen des Kulttransfers der Kybele könnte man problemlos damit erklären, dass die Autoren, die Livius jeweils zitiert hat, verschiedene Theaterstücke zu diesem Thema gesehen hatten (siehe dazu oben, zu Punkt 7.) in diesem Update). - Es ist nur merkwürdig, dass Livius, beim Korrekturlesen seines eigenen Textes, diesen Widerspruch in den von ihm zitierten Quellen nicht selbst bemerkt hatte (!).
Wie wir oben, in Ad b) gehört haben, kommt aber noch eine dritte Variante hinzu, die ich übersehen hatte, als ich im Jahre 1998 meine beiden Texte (Häuber 1998) und "Mater Magna" (Häuber 2026b) verfasst habe: Wie Varro (LL 6.15) behauptet, überreichte König Attalos I. von Pergamon den Mitgliedern der römischen Gesandtschaft das Kultbild der Göttin Kybele nicht in Pessinus, sondern in Pergamon (!).
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