Dass ich mich damals überhaupt mit Togen beschäftigt habe, lag daran, dass ich im Sommer 1980 in Xanten den kleinen, vierjährigen Sven Stiel kennengelernt habe, und das kam so:

"Ein kleiner Römer namens Sven"*


*Titel eines Artikels von Carlheinz Tüllmann, in der in Xanten erschienenen

Tageszeitung "Rheinische Post", vom 21.8.1980.


Hilde Hiller, die neue Leiterin des Regionalmuseums Xanten, hatte mich im Januar 1980 im Deutschen Archäologischen Institut Berlin gefragt, ob ich bei ihr als wissenschaftliche Volontärin arbeiten wolle (das Regionalmuseum in Xanten existiert heute nicht mehr; siehe dazu unten). Von Mai bis September 1980 war ich dann ihre Volontärin im Regionalmuseum Xanten (ich hatte schon bei Vertragsabschluss mitgeteilt, dass ich nicht während des ganzen Zeitraums dieses Museumsvolontariats würde bleiben können, weil ich im Oktober 1980 in Rom mein DAAD-Stipendium antreten wollte).

Ich wohnte in Sonsbeck und fuhr jeden Morgen mit dem Fahrrad zum Museum nach Xanten; kurz vor Beginn der Grossen Sommerferien hatte eine längere Phase Dauerregen begonnen - weshalb ich fortan immer patschnass im Museum ankam.

Der vierjährige Sven Stiel hatte das beobachtet und erwartete mich eines Morgens vor dem Personaleingang des Museums. Er fragte mich, warum ich jeden Morgen in dieses Haus ginge: Er wolle heute auf mich warten, bis ich fertig sei, denn dann wolle er mit mir spielen (!).

Svens Eltern hatten auf dem Xantener Marktplatz, gegenüber vom Personaleingang des Regionalmuseums, ein Geschäft. Als ich daraufhin meiner Chefin, Frau Hiller, vorschlug, wegen dieses Dauerregens ein Projekt für Kinder anzubieten, die in den Grossen Sommerferien nicht mit ihren Eltern verreist seien, war sie von dieser Idee hellauf begeistert.

Ich hatte vor meinem Archäologiestudium ein Staatsexamen in Kunst (Bildhauerei) absolviert, schneiderte meine eigene Kleidung und die meiner Mutter seit Jahren selbst, und weil ich die beruflichen Aktivitäten meiner Kommilitonin an der Universität zu Köln, Heide Huber, kannte, habe ich mir folgende Ferien-Aktion für Kinder ausgedacht:

"Wie sahen die Xantener zur Römerzeit aus?".

Der Archäologische Park Xanten (APX) ist auf dem Gelände der `CVT´, der römischen Stadt Colonia Vlpia Traiana, angelegt worden. Dort befindet sich jetzt auch das 2008 eröffnete LVR [Landschaftsverband Rheinland]-Römermuseum, in dessen Sammlung die Bestände des ehemaligen Regionalmuseum Xanten aufgegangen sind.

In diesem Ferienprojekt 1980 haben dann die Kinder, geschützt vor dem Regen, in der Steinmetzhütte im Archäologischen Park Xanten, `römische´, farbig gefasste Ehren- und Grabstatuen mit auf Deutsch verfassten `römischen´ Inschriften angefertigt, dabei waren sie selbst wie Römer gekleidet, haben also `als Römer´ die `Statuen von Römern´ skulptiert. Dann haben sie sich für ihre Römer einen Lebenslauf ausgedacht, der in der Grab- oder Ehreninschrift ihrer Römer beschrieben wurde.

Der kleine Sven Stiel und die ebenfalls vierjährige `Zippi´ Rinnen konnten natürlich noch nicht lesen und schreiben, ausserdem haben sie ihre Römer gemalt.

Diese gemalten Römer und die farbig gefassten Statuen von Römern mit erklärenden Inschriften der Kinder wurden nach Vollendung - inzwischen war auch wunderschönes Sommerwetter - einen Tag lang als "Römische Gräberstrasse" auf dem Xantener Marktplatz ausgestellt; bei dieser Gelegenheit haben die Kinder Reden auf die von ihnen mit Malereien und Statuen geehrten Römer gehalten - was uns allen sehr viel Spass gemacht hat.

Meine Kommilitonin Heide Huber war Studienrätin am Lise-Meitner-Gymnasium in Leverkusen. Sie hatte damals schon zahlreiche, sehr aufwendige und ambitionierte Projekte mit ihren Schülern durchgeführt, in denen sie diese mit nachgeschneiderter römischer Kleidung ausgestattet hatte; unter anderem hatte Heide mit ihren Schülern in Köln einen römischen Triumphzug aufgeführt.

Hilde Hiller hat unsere Ferien-Aktion sehr tatkräftig unterstützt und obendrein den Stoff für die römischen Kleidungsstücke der Kinder, sowie Zeichenpapier und Bleistifte für ihre Entwürfe finanziert. Auch meine Kollegin Anita Rieche hat sich engagiert an diesem Projekt beteiligt, sie erforschte ja seit geraumer Zeit die antiken römischen Gesellschaftsspiele (vergleiche A. Rieche, So spielten die Alten Römer: römische Spiele im Archäologischen Park Xanten, 1981), die wir dann bei unserem "Forumspiel", zusammen mit den Kindern, mit Vergnügen ausprobiert haben.

Der Hausmeister des Museums, Herr Ritzerfeld, hat im Museum alles Organisatorische des Projektes perfekt gemanagt, und obendrein, von sich aus, am Tag der Ausstellung der fertigen Malereien und Skulpturen der Kinder auf dem Xantener Marktplatz, zusammen mit seiner Frau, köstliche Kartoffelpuffer für alle Beteiligten gebacken.

Auch für mich hat Herr Ritzerfeld bestens gesorgt. Seit Beginn des Dauerregens hatte er im Museum eingeheizt und im Heizungskeller eine Wäscheleine installiert. Da hing nun meine Kleidung von jeweils drei Tagen: Wenn ich morgens im Museum ankam, habe ich meine nassen Sachen auf diese Leine gehängt, und die `von Vorgestern´ angezogen: Die waren trocken und schön warm, auch die Schuhe - eine Wohltat!

Aber es gab noch viel mehr sehr wichtige Helfer: Die Kunsterzieherin Ute Rinnen, die ich bei Frau Rieche kennenlernte, und die sich spontan zur Mitarbeit bei dieser Ferien-Aktion bereit erklärte, als ich in dieser Runde mein Vorhaben erwähnt hatte, sowie, dass ich nun zunächst einmal in Xanten, wo ich noch niemanden kannte, Mitstreiter für dieses Projekt finden müsse. Ute Rinnen brachte aus ihrer Schule die nötigen Steinmetzwerkzeuge und Pinsel für alle Kinder, sowie zwei ihrer Schülerinnen mit, deren kompetente Mitarbeit in diesem Projekt von Hilde Hiller als Museumspraktikum anerkannt wurde, und für das sie sehr schöne Zeugnisse erhalten haben. Herr Rinnen, ihr Mann, war Bauunternehmer: Ihm verdankten wir die zahlreichen Ytong-Steine, aus denen die Kinder die Statuen skulptiert, beziehungsweise, auf die sie ihre Römer gemalt haben, sowie in grossen Mengen die vielen benötigtem Farben. Die kleine Tochter des Ehepaars, `Zippi´ Rinnen, hatte ich ja oben schon erwähnt.

Die Ferien-Aktion "Wie sahen die Xantener zur Römerzeit aus?" hat vom 3. Juli bis zum 20. August 1980 gedauert; es gab 10 Treffen, jeweils donnerstags von 9:00-12.00 Uhr, mit insgesamt 33 Personen, bei diesen Treffen haben wir uns folgenden Themen gewidmet: Ehrenstatuen, Gräberstrasse, Forum Spiel.

Zur Vorbereitung dieser Ferien-Aktion bin ich an einem Wochenende nach Köln gefahren und habe in der Bibliothek des Archäologischen Instituts der Universität zur römischen Kleidung geforscht (das Regionalmuseum Xanten besass ja noch keine Bibliothek und keine Diathek), wobei mir dankenswerterweise meine gute Freundin, die Photographin des Instituts, Gisela Dettloff, (natürlich gegen Bezahlung) die gewünschten Dias angefertigt hat.

So ausgestattet, konnte ich dann das Projekt mit einem Diavortrag im Regionalmuseum Xanten zum Thema römische Kleidung beginnen. Der kleine Sven hatte seinen größeren Bruder mitgebracht, so dass die Gruppe tatsächlich, wie am Anfang überlegt, hauptsächlich aus Schulkindern bestand, deren Eltern (Geschäftsleute und Ärzte) nicht mit ihnen in den Grossen Sommerferien verreist waren. Da nun klar war, dass circa 30 Kinder im Alter von 4-14 Jahren an dieser Ferienaktion teilnehmen wollten, bin ich auch an den beiden folgenden Wochenenden in meine Wohnung nach Köln gefahren und habe, fachlich beraten von Heide Huber, die auch in Köln lebte, Tuniken für die Kinder in unterschiedlichen Größen (einige mit `Purpurstreifen´), sowie eine `stoffreiche´ Toga (kaiserzeitlichen Zuschnitts) mit `Purpurstreifen´ genäht.

Am Ende der Ferien-Aktion entstand mein ausführlicher, mit Zeichnungen (nach Photos des Projekts) illustrierter Text für die Eltern der Kinder: "Aus Steinen werden Römer". Er enthält Informationen über die für die Kinder genähten römischen Kleidungsstücke Tunica und Toga, einschliesslich Schnittmustern, eine Zeichnung der Phasen, wie eine Toga angelegt wird, Zeichnungen der Kinder, die diese Kleidungsstücke tragen, sowie die Aufgabenstellungen für die Themen: "Römische Ehren- und Grabstatuen", "Römische Inschriften" und "Forumspiel" (mit Beispielen). Dieser Text, sowie die komplette Photo- und Pressedokumentation dieser Ferien-Aktion befinden sich in meinem Archiv.

Für ihr überwältigendes Entgegenkommen der oben erwähnten Xantener im Zusammenhang meines Projekts habe ich mich oft und gerne mit "Trajanstorten" vom "Café-Restaurant van Bebber" in Xanten revanchiert: Zur Dekoration seiner Torte, mit einem Abdruck eines Bildnisses Trajans aus Marzipan, hatte sich der Eigentümer des Cafés von Frau Hiller die entsprechende antike Münze aus dem Museum ausgeliehen. Das Ergebnis war, genauso wie der Archäologische Park Xanten und das Regionalmuseum in Xanten, `eine Reise wert´.

Vergleiche für diese Ferien-Aktion 1980 in Xanten: Christine Häuber 1981, "Römisches Handwerk im Spiel [Kinder gestalten römische Statuen mit Inschriften], Das Rheinische Landesmuseum Bonn. Berichte aus der Arbeit des Museums. 2/81, S. 30-31. Das war meine erste Publikation.



Go to main page: https://fortvna-research.org/Digitale_Topographie_der_Stadt_Rom/

 

Datenschutzerklärung | Impressum